Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben. Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein. Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner Zeit zubrachte.

»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer besseren Heimat auszusehen und zu streben.«

Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es sein gefühlvolles Herz begehrte.

Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete, die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.

Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle Verhältnisse im Lande unsicher machten.

Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.

Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte, führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen, den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte auferlegen zu müssen.

Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall. Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren, die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten, sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche, welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.

»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll, gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«

Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten, und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und gesegneten gestalten zu müssen schien.