Die glücklichen Stunden jedoch, welche Wilberforce jetzt hier in Bath verleben durfte, konnten sein ernstes Pflichtgefühl auch nicht um einen Finger breit abschwächen und ihn zurückhalten, wenn die Pflicht zur Arbeit rief. Und das sollte schon wenige Tage nach der Verlobung der Fall werden.

Es waren nämlich dadurch, daß Österreich, Englands bisheriger Bundesgenosse gegen Frankreich, mit diesem einen besonderen Frieden geschlossen hatte, ernste Verwickelungen für England entstanden, die auf den inneren Zustand des Landes einen höchst nachteiligen Einfluß äußerten. Deshalb lud der Minister Pitt seinen Freund, dessen Scharfsinn und staatsmännische Klugheit er in hohem Maße schätzte, auf das dringendste ein, sofort nach London zu kommen. Und Wilberforce zögerte keinen Augenblick, diesem Rufe zu folgen, so schwer es ihm auch werden mochte, sich jetzt sogleich wieder von seiner Braut zu trennen.

Ja, als sich ihm in London die Überzeugung aufdrängte, daß sich die Verhältnisse des Landes in einem noch viel schlimmeren und gefährlicheren Zustande befänden, als er bei seiner Abreise befürchtet hatte, in einem Zustande, der für ihn selber Gefahren herbeiführen konnte, wenn er sich wieder voll und ganz an dem öffentlichen Leben beteiligte, entschloß er sich sogar dazu, wenn auch erst nach schwerem innerem Kampfe, seine Braut ihres Wortes zu entbinden, um sie nicht in die ihm drohenden Gefahren und Schicksale mit hineinzuziehen. Indessen nahm er schon nach zwei Tagen diesen ihm durch die erste augenblickliche Bestürzung eingegebenen Vorschlag wieder zurück im festen Vertrauen auf die Güte und Fürsorge Gottes, die ihn bisher in gefährlichen Lagen stets so treu und gnädig bewahrt habe und auch fernerhin bewahren werde.

Die ernsten Zeitumstände, welche zu Zornesgerichten Gottes über das Land zu werden drohten, gaben Wilberforce den Mut, am 15. Mai wiederum die Sklavensache im Parlamente vorzubringen, weil er hoffen durfte, die ernste Hinweisung auf die drohenden Gottesgerichte würde auch die verstocktesten Gegner herumbringen, daß sie nicht länger gegen etwas widerstrebten, was diese Gerichte geradezu herausfordere. Aber er erntete nur Spott und Hohn wegen seiner unaufhörlichen Belästigungen des Parlaments, und mußte den Schmerz erleben, daß man sich mit 82 gegen 74 Stimmen für die Beibehaltung des Sklavenhandels entschied, also nicht einmal die früheren Beschlüsse beachtete, worin doch die Abschaffung dieses Handels als etwas, das kommen werde und müsse, hingestellt worden war.

Schmerzlich bewegt kehrte er, als seine Anwesenheit in London nicht mehr so dringend nötig erschien, nach Bath zurück und feierte erst am 30. Mai in aller Stille seine Hochzeit. Nach einem kurzen Besuche bei seiner Freundin Hannah More, welcher er seine erwählte Lebensgefährtin glaubte vorstellen zu müssen, weil sie an seinem Wohl und Wehe so warmen Anteil nahm, kehrte er dann wieder nach London zurück, um den Sitzungen des Parlamentes bis zu ihrem Schlusse beizuwohnen, und es wo möglich durchzusetzen, daß bei den in Aussicht stehenden Friedensverhandlungen mit Frankreich für die Abschaffung des Sklavenhandels etwas gewonnen würde.

Er nahm jedoch seine Frau mit sich und mietete für sie ein Landgut in der Nähe von London, wo er dann, nachdem die Tagesarbeit im Parlamente gethan war, im Glücke und Frieden des eigenen Hauses sich erholen konnte. Was ihm diesen Aufenthalt besonders lieb machte, war das, daß er ganz nahe bei dem Landsitze seines Freundes Eliot lag, des Schwagers von Minister Pitt, mit dem er schon seit Jahren auf das Engste verbunden war.

Welch köstliche Tage er hier im Genusse der innigsten Freundschaft und des jungen, ehelichen Glückes verleben durfte, beweisen eine Reihe von Briefen, die er an auswärtige Freunde schrieb, und worin er die Gnade Gottes pries, die ihm alles gegeben habe, was der Mensch auf Erden zum Glücke bedürfe. Allein es sollte auch bei ihm so gehen, wie es ja der Herr bei den Seinigen so oft fügt, daß auf die Tage des sonnigen Glückes bald wieder trübe und dunkele Schmerzenstage folgen, und das prophetische Wort, womit einer seiner Freunde ihm geantwortet hatte: »ich fürchte, daß es kaum zur menschlichen Natur stimmt, lange so glücklich zu sein,« sollte nur zu schnell Wahrheit werden.

Denn nicht allein, daß der von ihm hochgeschätzte Gatte seiner Schwester, der Prediger Clarke in Hull plötzlich und unerwartet vom Tode weggerafft wurde; auch sein innig geliebter Freund Eliot mußte denselben Weg gehen. Und wenn es für Wilberforce ein großer Trost gewesen war, daß seine alte Mutter und seine verwittwete Schwester an dem Nachfolger Clarkes, dem Bruder seines langjährigen Freundes Milner eine kräftige Stütze gefunden hatten, so wurde ihm auch dieser Trost bald wieder geraubt, da Joseph Milner schon nach ganz kurzer Zeit starb.

Diese drei rasch aufeinander folgenden Todesfälle beugten Wilberforce tief nieder. Aber er verstand es auch, dieselben sich zum innerlichen Segen werden zu lassen. Wie eindringlich schrieb er in sein Tagebuch, »lehren auch diese Ereignisse, daß die uns zugemessene Zeit kurz ist! O möchte ich lernen und weise sein!«

Und siehe, kaum hatte er diese Verluste einigermaßen überwunden, da traf ihn ein neuer Schlag, der sein gefühlvolles Herz tief verwundete. Nach kurzer Krankheit starb nämlich in Hull auch seine eigene Mutter, die ihm von Jahr zu Jahr lieber geworden war, je mehr sie sich, durch das Vorbild des frommen Sohnes angeregt, dem wahren Christentum zugewandt hatte und je mehr dadurch der innere Einklang zwischen Mutter und Sohn gewachsen war, der früher gefehlt hatte. Welch ein Trost war es für Wilberforce, sich an ihrem Sarge der festen Zuversicht überlassen zu können, daß ihr Ende ein seliges gewesen sei!