Von ihrem Begräbnisse zurückgekehrt, durfte er es aber auch erfahren, daß Gottes Liebe in die Schmerzenstage des Lebens immer auch Freudenstunden einflicht, die das gebeugte Herz stärken und aufrichten sollen. Seine Gattin schenkte ihm nämlich jetzt im Sommer 1798 den ersten Sohn. Wie freudig jubelte er dafür in seinem Tagebuche Gott dem Herrn seinen Dank aus und wie inbrünstig betete er um Kraft und Beistand von oben, daß es ihm gelingen möge, das Kind zu einem rechten Christenmenschen zu erziehen!
Mit der Sklavensache gab es auch in der Parlamentssitzung von 1798 keinen Fortgang. Wilberforce brachte zwar seinen Antrag auf Verbot des Sklavenhandels getreulich wieder ein trotz des ärgerlichen Kopfschüttelns vieler Parlamentsmitglieder, die dieses ewig wiederkehrenden Antrags überdrüssig waren; aber wiederum fiel derselbe durch, wenn er auch nur mit der kleinen Mehrheit von 4 Stimmen abgelehnt wurde. Zwar gelang es den Gegnern nicht, irgend etwas vorzubringen, was die Beweise entkräften konnte, die Wilberforce für die beim Sklavenhandel vorkommenden entsetzlichen Grausamkeiten beibrachte, aber sie warfen ein und fanden für diesen Einwurf viele gläubige Abnehmer, daß der Sklavenhandel, wenn er gesetzlich verboten würde, dennoch nicht ganz aufhören, sondern in ungesetzlicher Weise fortgetrieben werden würde, und daß dann voraussichtlich unter dem Schleier des Geheimnisses noch viel größere Grausamkeiten vorkommen würden.
Wollte es mit der Sklavensache noch immer keinen Fortgang gewinnen, so suchte Wilberforce dem Drange seiner thätigen Menschenliebe in allerlei anderer Weise zu genügen und suchte überall die Not auf, um sie nach Kräften zu lindern. Wir wissen, daß er im Jahre 1789 über 2000 Pfund Sterling, also über 40,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken verwandte, eine Summe, bei welcher er gewiß nicht ängstlich berechnet hatte, ob sie nicht seine Vermögensverhältnisse überstiege. Dabei gab Wilberforce nie blindlings sein Geld weg, sondern prüfte immer erst sorgfältig, ob seine Unterstützungen auch nicht an Unwürdige weggeworfen seien. Es war also seine Wohlthätigkeit etwas mehr, als das blos äußerliche Sichloskaufen von einer Verpflichtung, die er sich durch seinen Reichtum auferlegt fühlte, sie war ein wirkliches Üben brüderlicher Liebe mit der Vorsicht und Weisheit, ohne welche die Wohlthätigkeit zur nutzlosen Verschwendung werden kann, ja zu einem verderblichen Förderungsmittel der Trägheit und des Lasters.
Die günstige Aufnahme, welche sein Buch überall gefunden hatte und die ihm noch fortwährend zukommenden Zeugnisse von den segensreichen Wirkungen, die dasselbe übte, ließen ihn erkennen, daß ihm auch ein geistiges Pfund anvertraut sei, welches er ebensowohl wie das äußere seines Reichtums zum Wohle seiner Nebenmenschen zu verwenden habe. Da ihm nun zum Schreiben eines weiteren größeren Buches immer mehr die nötige Ruhe und freie Zeit gebrach, so beschloß er, in Verbindung mit mehreren gleichgesinnten Freunden eine religiöse Zeitschrift herauszugeben, welche dem überhandnehmenden Unglauben besonders in den mittleren Ständen einen Damm entgegensetzen sollte. Die erste Nummer dieser Zeitschrift, welche den Titel: »Der christliche Beobachter« führen sollte, erschien jedoch erst im Januar 1801.
Auch die Ansiedelung auf Sierra Leone machte ihm in dieser Zeit viel zu schaffen, da dieselbe gerade damals mit besonders großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und doch bestehen bleiben und sich im Segen entwickeln mußte, wenn die Behauptung, daß die Neger keine bildungsfähigen Menschen seien, auf welche die Freunde des Sklavenhandels sich besonders stützten, in ihrer völligen Grundlosigkeit hingestellt, und diesen ihre beste, wirksamste Waffe entrissen werden sollte.
Der glorreiche Sieg zur See, in welchem der englische Admiral Nelson am 1. August 1798 bei Abukir fast die ganze französische Flotte vernichtet hatte und der in ganz England mit unsäglichem Jubel begrüßt worden war, gab Wilberforce neuen Mut, trotz aller erlittenen Niederlagen, auch in der Parlamentssitzung von 1799 wieder gegen den Sklavenhandel aufzutreten. Hatte doch der fromme Seeheld Nelson zur herzlichen Freude unseres Wilberforce in seinem Berichte ausdrücklich darauf hingewiesen, wieviel Dank das englische Volk für diesen Sieg seinem Gotte schuldig sei! Mußte es da nicht von durchschlagender Wirkung sein, wenn nun Wilberforce seinerseits mit seiner feurigen Beredsamkeit mahnte, diesen Dank durch Abstellung des Sklavenhandels thatsächlich darzubringen und nicht durch Verhärtung in einem anerkannten und zweifellosen Unrecht den Zorn Gottes über das Land zu reizen? – Aber siehe, auch diesmal wieder fielen die warmen, begeisterten Worte, womit er seinen Antrag verfocht, auf unfruchtbaren Boden, sein Antrag fiel durch.
Die tiefe Niedergeschlagenheit, in welche er wegen dieses neuen unerwarteten Mißerfolgs verfiel, brachte ihn auch körperlich sehr herunter. Ein heftiges Fieber befiel ihn und hinderte ihn, die Parlamentssitzung zu besuchen, welche auf den 24. September ausgeschrieben war, um die Entsendung eines Heeres nach den Niederlanden zu beraten, wo dasselbe gemeinschaftlich mit den Russen die Franzosen bekämpfen sollte.
Da auch seine Gattin, die am 21. Juni von einem Töchterlein entbunden worden war, der Ruhe bedurfte, so mietete sich Wilberforce in der Nähe von Bath, dessen unruhiges Badeleben ihm nicht zusagte, eine Wohnung auf dem Lande und brachte dort vier Monate im Genusse eines ruhigen, ungestörten Familienlebens zu. Aber Arbeit machte er sich auch hier, weil er ohne solche nicht leben konnte. Die stillen Sonntage auf dem Lande, deren Köstlichkeit und Segen niemand besser zu würdigen wußte, als er, mahnten ihn, für die Förderung einer rechten Sonntagsheiligung thätig zu sein. Das war zwar nicht erst eine neue Thätigkeit. Denn er hatte schon das Parlament aufgefordert, gesetzlich gegen jede Entheiligung des Sonntages einzuschreiten, und als er das nicht durchsetzen konnte, wenigstens auf eigene Hand eine ganze Anzahl von Parlamentsgliedern zusammengebracht, die sich freiwillig verbanden, für eine rechte Sonntagsheiligung zu wirken und dabei selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Er hatte auch durch Verwendung seines Einflusses bei den Ministern eine Verfügung erwirkt, wonach niemand mehr gegen sein Gewissen durch Geld- und Freiheitsstrafen gezwungen werden durfte, sich an militärischen Übungen zu beteiligen, welche am Sonntage stattfanden, wie dies an vielen Orten geschah.
Aber mußten nicht die stillen gesegneten Sonntage hier auf dem Lande ihm ein unwiderstehlicher Antrieb werden, in der Nähe und in der Ferne, durch Wort und Schrift darauf hinzuwirken, daß solch eine gesegnete Sonntagsfeier allenthalben möglich werde und auch allenthalben zu stande käme?
Im Januar 1800 kehrte Wilberforce neu gestärkt nach London zurück und trat sofort wieder mit frischer Kraft in die parlamentarische Thätigkeit ein. Es handelte sich jetzt in der That um den Frieden mit Frankreich, über welchen von seiten Napoleons Unterhandlungen eingeleitet worden waren. Allein die von demselben vorgeschlagenen Friedensbedingungen waren der Art, daß selbst der friedliebende Wilberforce dazu raten mußte, sie zu verwerfen, und das Ministerium, welches gleicher Ansicht mit ihm war, kräftig unterstützte. »Wer heute meine Rede hörte,« sagte er selbst, »mußte mich für einen größeren Freund des Krieges halten, als ich es in Wahrheit bin.«