Ein sehr erfreuliches Ereignis war es für Wilberforce, daß sein Freund Stephen, sein treuer Gefährte im Kampfe gegen den Sklavenhandel, dessen Scheußlichkeiten er bei einem langen Aufenthalte in Westindien durch eigenen Augenschein kennen gelernt hatte, seiner verwittweten Schwester die Hand reichte und dadurch eine noch nähere Verbindung mit ihm schloß, als sie bisher schon durch ihre Kampfgenossenschaft bestanden hatte.
Aber bald fiel auch wieder ein düsterer Schatten in sein Leben, der um ein Haar zu einer völligen Trübsalsfinsternis geworden wäre. Denn bald nach der Rückkehr aus dem Seebade Bognor, wo er sich eine Zeit lang nach dem Parlamentsschlusse mit seiner Familie aufgehalten hatte, verfiel seine geliebte Gattin in eine schwere Krankheit, welche das Schlimmste befürchten ließ. Wie es dabei in seinem Inneren aussah, mag ein Brief beweisen, den er am 27. September an Hannah More schrieb.
»Mein teure Freundin,« heißt es darin, »Sie sollen nicht durch eine andere Feder erfahren, daß es Gott gefallen, meine teuerste Frau mit einem gefährlichen Fieber heimzusuchen. Man sagt mir, daß der endliche Ausgang der Krankheit wahrscheinlich nicht bald entschieden sein werde, daß ich aber nach der Heftigkeit des Beginnens Ursache habe, alles zu fürchten, wenn auch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Aber ach, meine teuere Freundin, was für ein unaussprechlicher Segen ist es für mich, daß ich in Demut hoffen kann, der Tod werde für meine arme Gattin die Versetzung sein aus einer Welt der Sünde und der Sorge in das Land vollkommener Heiligkeit und nie endender Seligkeit! Wie tröstend ist der Gedanke, daß ihre Leiden ihr nicht allein zugeteilt, sondern auch zugemessen sind durch ein Wesen voll unendlicher Weisheit und Güte, welches sie liebt, wie ich hoffe, mehr als ein teures Kind von einem irdischen Vater geliebt ist! Ich weiß, Sie alle werden für mich fühlen, für mich und meine arme Leidende beten. Ich bin noch nicht genug an das Krankenbett gewöhnt; es ist äußerst angreifend für mich, ihre Heftigkeit und wirre Unruhe zu bemerken, ja bisweilen ihr Phantasieren zu hören, während damit ihr gewöhnlicher freundlicher Blick und ihre sanfte Ruhe verbunden ist. Möchten wir alle bereit sein und endlich alle in der Herrlichkeit zusammentreffen, jetzt aber wachen und beten und nüchtern sein und danach trachten, einzugehen; dann werden wir gewiß einst nicht ausgeschlossen werden. Ich pflege auch sonst solche Worte zu reden wie diese, und, wie ich hoffe, aus dem Herzen. Aber wieviel kräftiger prägen sie sich dem Geiste ein bei dem Anblick des Todes, wie ich ihn habe! Gott segne Sie alle! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns Allen! Für immer Ihr W. Wilberforce.«
Und weiter schreibt er in dieser Zeit: »Welch unaussprechliche Tröstung und Erleichterung ist es, in solch einem Augenblick die volle Zuversicht zu hegen, daß meine teuerste Gattin ihren Frieden mit Gott gemacht hat und für die furchtbare Vorladung nicht unvorbereitet ist! Ich danke Gott, daß ich im stande bin, mich seiner Züchtigung (welche leider nur zu sehr verdient ist) ohne Murren zu unterwerfen, und, wie ich demütig hoffe, mit Ergebung, ich möchte sagen: mit frohem, dankbarem Sinne gegen seinen heiligen Willen. Er weiß am besten, was uns gut ist, und wenn unsere Leiden hier, indem sie uns aus der Trägheit erwecken und uns näher zum Himmel drängen, in irgend einem Grade dazu dienen, das Glück der Ewigkeit zu erhöhen, so mögen wir wohl in der triumphierenden Sprache des Apostels ausrufen: »Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige über alle Maßen wichtige Herrlichkeit!« – Mein teures Weib hat stets phantasiert, seit wir wußten, daß ihre Krankheit gefährlich sei. Wie wenig hätten wir für ihren Seelenzustand thun können, wenn er früher vernachlässigt worden wäre und wir nun erst gewünscht hätten, sie zum Tode vorzubereiten! Welch praktische Lehre für uns alle!«
Welch tiefen Blick eröffnen uns diese Worte, die doch gewiß der unmittelbarste Erguß der Gedanken und Gefühle waren, in ein Herz voll des lautersten, aufrichtigsten Christentums, in ein Herz, das gelernt hatte, sich ganz im Glauben dem Herrn anzuvertrauen, in ein Herz, das für den Menschen nichts Höheres kannte, als den Gewinn des ewigen Lebens!
Die züchtigende Hand des Herrn ließ es indessen bei Wilberforce nicht zum Äußersten kommen. Sein Flehen wurde erhört, die Krankheit wendete sich zum Besseren. Am 20. Oktober konnte er frohlockend und dankend melden, daß ihm sein geliebtes Weib erhalten sei und allmählich die Gesundheit und frühere Kraft wiedererlange. Wenn er sich aber dabei gleichsam in demselben Atem selbst anklagt, daß die ernsten Gefühle in den Augenblicken des Leidens hernach, wenn dasselbe durch Gottes Gnade vorüber sei, so bald wieder sich abschwächten und dahinschwänden, so beweist dies, wie sehr er gewohnt war, auch auf die leisesten Regungen seines Herzens zu achten und wie ihm äußere Erlebnisse in Freude und Leid niemals den heilsamen Blick in das eigene Herz trüben konnten.
Die Hoffnung, welche Wilberforce gehegt hatte, daß er, wenn der Friede mit Frankreich, nach welchem jetzt ganz England seufzte, geschlossen werden würde, es werde durchsetzen können, daß die Abschaffung des Sklavenhandels unter die Friedensbedingungen aufgenommen würde, erwies sich als eine trügerische. Wiewohl sich Pitt mit ihm vereinigte, schlug dieser Plan fehl. Da wegen der wichtigen Arbeiten, die dem Parlamente vorlagen, auch ein neuer Antrag wegen des Sklavenhandels keine Aussicht hatte, nur zur Beratung zu kommen, mußte sich Wilberforce darauf beschränken, durch seinen Schwager Stephen kleinere Flugschriften gegen den Sklavenhandel abfassen zu lassen, die dann in Massen unter das Volk geworfen wurden, um bei diesem das Interesse für die Sklavensache, welches unter den kriegerischen Unruhen und dem Drucke einer großen Teuerung fast erloschen sein mußte, wieder neu zu beleben.
Am 25. April 1802 war denn endlich zu Amiens der Friede mit Frankreich zu stande gekommen, und da Wilberforce wieder aufs neue als Vertreter für die Grafschaft York ins Parlament gewählt worden war, sprach er sich voll heiligen Eifers dafür aus, es sei nötig, die goldene Zeit des Friedens dazu zu verwenden, daß der sittliche Zustand des Landes gebessert werde, daß die Kinder der geringeren Stände in tugendhafter Sitte und zur Anhänglichkeit an die bürgerlichen und religiösen Einrichtungen des Landes erzogen würden, daß für die niedrigen Klassen der Steuerdruck ermäßigt und an Stelle der aufrührerischen Ansichten und Neigungen ein rechter Gemeingeist bei dem Volke geweckt und gepflegt würde.
Man erklärte freilich solche Reden im Parlamente kurzweg für baren Unsinn, aber Wilberforce ließ sich durch solche beleidigende Urteile den Mund nicht zubinden und kam immer wieder von neuem in seinen Reden auf diese Forderungen zurück.