Tief bewegt folgte Wilberforce dem Sarge des Mannes, der 25 Jahre lang die Angelegenheiten seines Vaterlandes geleitet hatte und ihm, wenn auch vielleicht wegen des großen Standesunterschiedes nicht gerade im vollsten und schönsten Sinne des Wortes Freund geworden war, wozu überdies die volle innere Übereinstimmung fehlte in den höchsten und wichtigsten Lebensfragen, so doch die vollste Hochachtung und Anhänglichkeit abgewonnen hatte.
Dem neuen Ministerium, welches jetzt gebildet wurde, gehörten zum größten Teile Männer an, die zu den eifrigsten und lebendigsten Gegnern des Sklavenhandels zählen. Wie hob das wieder den Mut und die Freudigkeit des edlen Sklavenfreundes, und wie beeilte er sich nun sogleich wieder, die günstige Wendung der Dinge auszunutzen!
Ein Vorschlag, den Sklavenhandel nach fremden Kolonieen zu verbieten, wurde zum Vorläufer des weitergehenden auf völlige Abschaffung und Unterdrückung dieses Handels gemacht und erhielt im Mai 1806 die Zustimmung sowohl des Unter- wie des Oberhauses. Auch der weitere Vorschlag, daß sich das Parlament zu baldiger gänzlicher Abschaffung des Sklavenhandels verpflichten sollte, wurde im Unterhause mit großer Mehrheit von 100 gegen 14, im Oberhause mit 42 gegen 21 Stimmen angenommen. Ebenso wurde eine von Wilberforce beantragte Adresse an den König beschlossen, worin dieser gebeten wurde dahin zu wirken, daß auch die übrigen Mächte Europas den Sklavenhandel aufheben möchten.
Aber würde nicht, so mußte Wilberforce nun rechnen, die Sklavenhalter und Sklavenhändler jetzt, wo an der völligen Aufhebung des Sklavenhandels kaum mehr zu zweifeln schien, die ihnen noch gelassene Frist benutzen, um gerade jetzt diesen Handel in verstärktem Maße zu betreiben?
Von diesem Gedanken geleitet, brachte er noch einmal vor Schluß der Sitzung einen Gesetzesvorschlag ein, welcher verbot, daß Schiffe, die bis jetzt nicht zum Sklavenhandel gebraucht worden seien, nunmehr dazu verwendet würden, und siehe auch dieser Vorschlag fand zu seiner unsäglichen Freude die Zustimmung beider Häuser.
Allein es war für Wilberforce auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen doch noch keine volle Sicherheit vorhanden, daß der lange und heiß ersehnte Sieg in seiner heiligen Sache nun endlich errungen sei, und er bot deshalb gerade jetzt seine ganze Kraft auf, ihr, soviel an ihm lag, zum völligen Siege zu verhelfen. Mit seinen Freunden bereitete er sich sorgfältig darauf vor, ein günstiges Zeugenverhör herbeiführen zu können, wenn allenfalls das Oberhaus noch einmal ein solches verlangen sollte. Er ging auch mit allem Eifer daran, seine vorhin erwähnte Flugschrift fertig zu machen, um dieselbe vor dem Zusammentreten des Oberhauses allen Mitgliedern desselben zusenden zu können und vollendete dieselbe durch rastloses Arbeiten so frühe, daß sie am letzten Januar 1807 ausgegeben werden konnte.
Um ihn zu solchem Eifer aufzustacheln, hätte es indessen so ehrender Zeugnisse keineswegs bedurft, wie ihm ein solches bereits im Juni 1806 durch eine Edinburger Zeitung ausgestellt worden war. Dort war nämlich zu lesen gewesen: »Wir wollen unsere Dankbarkeit dem Manne bezeugen, der diesen glorreichen Kampf begonnen und durchgeführt hat. Er hat dem Ausgange desselben alle seine Tage und alle seine Talente geweiht. Er hat sich jeglicher Belohnung für seine Anstrengungen entzogen, außer dem zufriedenstellenden Bewußtsein, seinen Mitgeschöpfen gutes erwiesen zu haben. Er hat der Menschheit gewidmet, was andere den Parteirücksichten geopfert haben, und den Ruhm, im Gedächtnisse einer dankbaren Welt fortzuleben den glänzenden Belohnungen des Ehrgeizes vorgezogen. Wir betrachten mit inniger Freude diesen ausgezeichneten Mann, wie er nahe vor seinem endlichen Triumphe sich befindet in der größten Schlacht, in der je menschliche Wesen fochten und in einer Sache, welche wir für einen Gegenstand des gerechten Neides der Ehrgeizigsten unter den Sterblichen halten.«
Der Stachel, den Wilberforce im eigenen Herzen trug, der Stachel der Liebe zu den armen Schwarzen und die Überzeugung, von Gott zur Linderung ihrer Leiden berufen zu sein, war mächtiger als alle solche ehrenden Worte.
Am 3. Februar 1807 kam die Sklavensache zur Verhandlung im Oberhause und beschäftigte dasselbe die ganze Nacht hindurch bis Morgens 5 Uhr. Aber obwohl zwei Minister, ja selbst Prinzen des Königlichen Hauses dagegen auftraten, erklärten sich doch schließlich 100 Stimmen für die Abschaffung des Sklavenhandels, und nur 34 dagegen.
Nun fehlte nur noch eine günstige Entscheidung des Unterhauses, in welchem die Sache am 23. Februar vorgebracht werden sollte.