Aber wie bangte nun unserem Wilberforce vor dieser entscheidenden Sitzung! Hatte er es doch schon einmal erleben müssen, daß es trotz der günstigsten, fast zweifellosen Aussichten zuletzt doch noch übel gegangen war! Wie eifrig betete er, daß Gott alles zum Besten wenden möge und stellte ihm in Demut alles anheim!
Am 15. Februar schrieb er in sein Tagebuch: »Was für eine schreckliche Zeit ist das! Die Entscheidung der großen Frage nähert sich. Möge Gott, der die Herzen aller in seiner Gewalt hat, sie wenden wie im Oberhause! Möge er mich mit einem einfältigen Auge und Herzen ausrüsten, daß ich nur wünsche, Ihm zu gefallen, meinen Mitmenschen gutes zu erweisen und meinem angebeteten Erlöser meine Dankbarkeit zu bezeugen!«
Und am 22. Februar, am Vorabende des Tages, der die Entscheidung bringen sollte, schrieb er ebenso demütig: »Gewiß nie hatte ich mehr Ursache zur Dankbarkeit als jetzt, da ich den großen Gegenstand meines Lebens zu Ende führe, auf welchen eine gnädige Vorsehung meine Gedanken vor 26 oder 27 Jahren und meine Thätigkeit seit 1787 oder 1788 gerichtet hat. O Herr, laß mich dich preisen von ganzem Herzen; denn nie war jemand so sehr in der Schuld gegen dich. Wohin ich auch blicke, sehe ich mich mit Segnungen überhäuft. O möge meine Dankbarkeit nur einigermaßen im Verhältnisse zu denselben stehen!«
Bei den Verhandlungen des folgenden Tages war es nur ein einziger westindischer Pflanzer und Sklavenhalter, der gegen das Gesetz sprach, aber durch eine glänzende Rede, die Wilberforce hielt und in der er noch einmal die ganze Fülle seiner Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels entwickelte, sofort zum Schweigen gebracht wurde. Von dieser Rede begeistert rief der Generalprokurator Romilly aus: »Was ist das Gefühl der Größe, das ein Kaiser der Franzosen, ein Napoleon, hat gegen das Hochgefühl dieses Privatmannes, der heute sein Haupt aufs Kissen legen darf mit dem Gedanken: der Sklavenhandel ist nicht mehr!«
Ein Sturm des Beifalls brach los, wie ihn die Parlamentsräume noch nie gehört haben mochten. Alle die ernste würdevolle Zurückhaltung, die sonst in diesen Räumen üblich war und jede laute Beifallsäußerung verbot, war völlig vergessen, und als es zur Abstimmung kam, erklärten sich 283 Stimmen für, und nur 16 gegen die Abschaffung des Sklavenhandels.
Wie in einem Triumphzuge wurde Wilberforce von seinen Freunden nach Hause geleitet, und von allen Seiten regnete es gleichsam Beglückwünschungen für ihn. Er aber ging in sein Kämmerlein und schrieb mit betendem Aufblicke nach oben in sein Tagebuch: »O wieviel Dank bin ich dem Geber alles Guten dafür schuldig, daß er mich in seiner gnädigen Fürsorge zu der großen Sache geführt hat, welche endlich nach fast 19jähriger Anstrengung Erfolg gehabt hat!«
Nachdem das Gesetz wegen einiger Veränderungen, die daran gemacht worden waren, noch einmal durch das Oberhaus gegangen war und auch in der geänderten Fassung dessen Zustimmung erhalten hatte, erhielt es am 25. März 1807 auch die Königliche Bestätigung und damit volle Gesetzeskraft.
Das Ministerium, welchem es Wilberforce zu verdanken hatte, daß er endlich mit seinen unaufhörlichen Anträgen durchgedrungen war, wurde bald darauf zu seinem großen Leidwesen von dem Könige entlassen; dadurch wurde aber auch eine Auflösung des Parlaments herbeigeführt, und es mußte zu neuen Wahlen geschritten werden.
Hier zeigte es sich nun so recht handgreiflich, mit welcher Liebe seine Wähler in der Grafschaft York an ihrem bisherigen Vertreter Wilberforce hingen. Es war nämlich ein angesehener Mann, Lord Milton, als Mitbewerber um die Vertretung der Grafschaft aufgetreten, dem es ein Geringes war, die großen Kosten zu bestreiten, welche eine Wahl ins Parlament für den Gewählten mit sich führte. Es galt nämlich für ihn, allen Wählern, welche ihm seine Stimme geben sollten, die Kosten der Reise nach dem Wahlorte zu vergüten und das verursachte besonders in einer so weitausgedehnten Grafschaft, wie die Grafschaft York, höchst bedeutende Ausgaben. Traten mehrere Bewerber um die Stimmen der Wähler auf, so hatte in der Regel, wenn es sich nicht gerade um besondere Parteiinteressen handelte, derjenige die meiste Aussicht, gewählt zu werden, welcher sich bei Vergütung der Reisekosten am freigebigsten zeigte und den Ersatz so bemaß, daß auch wohl nach gemachter Reise noch etwas Erkleckliches in der Tasche blieb.
Wilberforce hatte jetzt, wo er für eine Familie zu sorgen hatte, nicht Lust einen großen Teil seines Vermögens für einen Sitz im Unterhause zu opfern und ließ dies einmal in einer Versammlung seiner Freunde zu York so nebenher fallen. Da rief aber sofort jemand: »Wir dürfen unseren Wilberforce nicht verlassen, daher unterzeichne ich 500 Pfund zu den Wahlkosten.« – Und siehe im Handumdrehen gleichsam war die bedeutende Summe von 18000 Pfund (360000 Mark) durch die Anwesenden gezeichnet und stieg nachher noch durch weitere Zeichnungen auf 64455 Pfund, über eine Million Mark. Es wurde als eine Ehrensache für die Grafschaft angesehen, ihrem langjährigen hochgeschätzten Vertreter jedes persönliche Opfer an Geld zu ersparen, wo derselbe so treu und mit so hingebender Selbstverleugnung der Grafschaft seine Kraft und Zeit widmete.