Nun erhielt zwar am ersten Wahltage Lord Milton mehr Stimmen als Wilberforce, allein am folgenden Tage stellten sich die für Wilberforce Stimmenden in so großer Zahl ein, daß dessen Name mit großer Mehrheit aus der Wahl hervorging. Es hatte den Gegnern wenig geholfen, daß sie über Wilberforce die nachteiligsten Gerüchte auszusprengen suchten, ja ihn sogar schon für tot erklärten, weil er wegen einer leichten Unpäßlichkeit das Zimmer hüten mußte.
Aber auch jetzt war es nur Dank gegen Gott, der ihm solche Gunst bei den Menschen geschenkt habe, was sein Herz erfüllte, aber auch nicht die leiseste Regung von Hochmut, wie hätte er sonst die folgenden demütigen Worte in sein Tagebuch schreiben können, worin er sich gewöhnt hatte, all sein Denken und Fühlen niederzulegen? »Wenn ich auf meine Thätigkeit im Parlamente zurückblicke,« schreibt er da, »und sehe, wie wenig ich im ganzen genommen die Lehre Gottes und meines Heilandes geziert habe, so bin ich beschämt und beuge mich in den Staub. Möge, o Herr, alle Zeit, welche mir noch übrig ist, besser angewendet werden! Doch komme ich mit allen meinen Sünden, Vernachlässigungen und Irrtümern zum Kreuze und vertraue auf die freie Gnade Gottes in Christo, als auf meine einzige Hoffnung und Zukunft.«
Überhaupt war er, selbst in den bewegten Tagen der Wahlzeit überaus ruhig und sorglos wegen der bevorstehenden Entscheidung. Wußte er doch, daß die Entscheidung fallen werde und fallen müsse, wie es in Gottes Rat und Willen beschlossen sei, und in den sich ganz zu fügen und immer völliger sich fügen zu lernen, war für ihn Hauptsache. So berührte er, als er am Sonntage vor der Wahl den Besuch eines Geistlichen empfing, diese mit keiner Silbe, sondern unterredete sich zu dessen großer Bewunderung lediglich über geistliche Dinge, wie es dem Tage des Herrn angemessen war.
Und in einem Briefe an seine Frau aus diesen Tagen heißt es unter Anderem: »Wie schön muß Broomfield (der damalige Aufenthaltsort seiner Familie) in diesem Augenblicke sein! Auch hier ist spanischer Flieder und Weißdorn an warmen Stellen in Blüte. Ich stelle mir oft vor, wie ich den Garten mit Dir und den Kleinen durchstreife, und gewiß habe ich mich im Geiste mehrmals täglich mit Euch vereinigt und gehofft, wir wendeten uns zugleich an den Thron der Gnade. Wie barmherzig und gnädig ist Gott gegen mich! Gewiß muß ich die allgemeine Liebe, welche ich erfahre, als einen besonderen Beweis der Güte des Allmächtigen ansehen. Wahrlich kein Mensch hat soviel Ursache, den Ausspruch zu dem seinigen zu machen: »Gutes und Barmherzigkeit sind mir gefolgt mein Leben lang.« Ich danke Gott, mein Geist ist ruhig und heiter. Ich kann Ihm ohne Ängstlichkeit den Ausgang überlassen und wünsche nur, daß ich in der Stellung, in welche ich gesetzt werden mag, die Lehre Gottes und meines Heilandes und mein christliches Bekenntnis ehren möge. Ich muß gute Nacht sagen. Möge Gott dich segnen! Küsse die Kleinen und grüße freundlichst das ganze Haus und andere Freunde! Wenn es bei Euch so heiß gewesen ist, wie bei uns, (bei Ostwind zeigte das Thermometer um 12 Uhr im Schatten 77° Fahrenheit!) so müßt Ihr viel ausgestanden haben. Jeder Segen treffe Dich und die unsrigen in Zeit und Ewigkeit. Immer Dein anhänglicher W. Wilberforce.«
Eine leichte Lungenentzündung, die ihn im Dezember 1807 befiel, hinderte Wilberforce, an der Parlamentssitzung dieses Winters teilzunehmen. Als aber im März 1808 eine sogenannte »afrikanische Stiftung« errichtet wurde, welche sichs zur Aufgabe stellte, dahin zu wirken, daß das Gesetz wegen Aufhebung des Sklavenhandels auch wirklich zur Ausführung gebracht werde, ließ er sich, obwohl seine Krankheit noch nicht völlig überwunden war, doch nicht abhalten, sich an dieser Stiftung mit allem Eifer zu beteiligen. Ohnehin schien es ihm, daß sich jetzt in Spanien, welches dem französischen Eroberer so kräftigen Widerstand im Volkskriege entgegensetzte, eine Stimmung bilden müsse, die der Aufhebung des Sklavenhandels auch in diesem Lande, das ihn ohnehin nur schwach betrieb, günstig wäre. Wo man Unterdrückung und Grausamkeit so verabscheuen lerne, meinte er, wie es jetzt die Spanier durch die Franzosen lernten, da könne man auch die Grausamkeiten des Sklavenhandels fernerhin nicht mehr ruhig mitansehen und dulden.
Während er selber sich mit den spanischen Ministern in Verbindung setzte und von diesen auch die Zusicherung ihrer thätigen Teilnahme empfing, forderte er seinen Schwager Stephen auf, eine Flugschrift an das spanische Volk zu richten, um dasselbe über den Sklavenhandel gründlich zu belehren und ihm die Gräuel dieses Handels recht gründlich aufzudecken.
Ebenso schrieb Wilberforce an den Präsidenten der vereinigten Staaten Nordamerikas, um eine Übereinkunft herbeizuführen, nach welcher es jedem Staate freistehen sollte, die Sklavenschiffe des andern wegzunehmen, um so den schändlichen Handel, gegen den sich jetzt auch die Nordamerikaner auflehnten, völlig lahm zu legen. Denn es war allerdings so gekommen, wie die »Westindier« im Parlamente vorausgesagt hatten, der Sklavenhandel, wenn auch gesetzlich verboten, wurde doch insgeheim und gegen das Gesetz fortgetrieben. Deshalb erwirkte Wilberforce auch bei dem Ministerium, daß den englischen Beamten auf den westindischen Inseln die größte Wachsamkeit in betreff des Sklavenhandels zur Pflicht gemacht wurde, und wandte sich eben deshalb auch an den englischen Konsul in Brasilien.
Als er erfuhr, daß auf der ostindischen Insel Ceylon aus Rücksichten der Sparsamkeit fast alle christlichen Schulen geschlossen worden seien und dadurch die Verbreitung des Christentums dort aufs tiefste geschädigt sei, machte er auch diese Sache bei dem Ministerium anhängig und erwirkte, daß die alten Schulen zum größten Teile wieder eröffnet und neue gegründet wurden.
So wirkte Wilberforce auch außerhalb des Parlamentes nach allen Seiten hin, wo sich nur die geringste Veranlassung bot, zum Segen der Menschheit und setzte seine schwache Körperkraft unbedenklich ein, wo es galt, etwas Gutes zu schaffen.