Um auch während der Parlamentssitzungen bei seiner Familie sein zu können, bezog er mit derselben, die bisher in dem etwas weiter von London entlegenen Broomfield gewohnt hatte, jetzt eine dem Parlamentshause näher gelegene Wohnung in Kensington Gore. Denn er fühlte es immer mehr als eine heilige Pflicht, die er bisher wegen seiner ausgebreiteten öffentlichen Thätigkeit viel zu wenig hatte erfüllen können, sich selbst mit der Erziehung seiner Kinder zu befassen, deren Zahl im Laufe der Jahre auf 6 herangewachsen war, darunter 4 Söhne und 2 Töchter. Zwar konnte er sich darauf verlassen, daß seine Frau den günstigsten Einfluß auf dieselben üben und besonders auch für ihre christliche Erziehung sorgen werde; aber es drängte sein Vaterherz, gerade in der letzten Beziehung seinen Kindern auch selbst etwas zu werden und ihnen aus dem reichen Schatze seines Herzens mitzuteilen, was ihm selber von Gott gegeben war.
Wenn er gehofft hatte, dies in der neuen Wohnung besser als bisher thun zu können, so war das freilich eine Täuschung; denn sein gastfreies Haus wurde gerade hier mehr denn je von Besuchern heimgesucht, ohne daß er es hindern konnte und wollte. Nur die frühen Morgenstunden blieben ihm frei, und diese war er seit langer Zeit gewöhnt, der Beschäftigung mit Gott vor Allem und dann seinen wichtigsten Arbeiten zu widmen.
So nahm er denn nicht ungern das Anerbieten eines Freundes an, dessen leerstehenden Landsitz in Sussexshire mit seiner Familie zu beziehen, nachdem die Parlamentssitzung des Jahres 1810 beendet war. Und hier konnte er sich nun ganz seinen Kindern widmen, was ihm bisher nur an den Sonntagen möglich gewesen war. Dann pflegte er mit ihnen nach der gemeinsamen Familienandacht regelmäßig zur Kirche zu gehen und den übrigen Teil des Tages mit ihnen im Garten oder auf Spaziergängen zu verbringen.
Hier in der ungestörten Stille des Landlebens konnte er ihre ganze Art und Weise beobachten und je nach der Verschiedenheit der bei ihnen sich zeigenden Neigungen und Anlagen seine erziehliche Einwirkung regeln. Vor Allem suchte er durch Liebe und Freundlichkeit, die er ihnen in reichster Fülle entgegenbrachte, ihre Herzen auch an sich zu fesseln, wie sie bereits auf das innigste an das treue Mutterherz gefesselt waren, und sich so einen wirksamen Einfluß auf ihr Gemüt zu sichern. Aber er ließ es ihnen gegenüber auch an dem nötigen Ernste nicht fehlen und strafte sie unnachsichtig, wo es sich nötig erwies. Sie in das rechte Verhältnis zu Gott, ihrem himmlischen Vater zu bringen, war und blieb jedoch seine Hauptsorge. Nur wachte er ängstlich darüber, daß sich in dieses Verhältnis nichts Unächtes und Gemachtes einschleiche, und daß die Kinder nicht Gefühle erheuchelten, die ihren Herzen fremd waren. Wenn er in ihnen die Liebe zu Gottes Wort und zur Kirche zu erwecken und zu nähren bemüht war, so that er das mehr durch sein eigenes Vorbild als durch Worte der Mahnung.
Aus diesem für ihn selbst so lieblichen, für seine Kinder aber so ersprießlichen Stillleben wurde er indes bald durch die Nachricht aufgeschreckt, daß der König Georg III. ernsthaft erkrankt sei und deshalb schon am 1. November eine Sitzung des Parlamentes stattfinden müsse, um wegen einer Stellvertretung in der Regierung des Landes zu beraten. Da die Ärzte die Krankheit des Königs für hoffnungslos erklärten, so übernahm der Kronprinz, oder wie er in England stets heißt: der Prinz von Wales, im Januar 1811 die Regierung.
Jetzt, wo eine Auflösung des Parlamentes und neue Wahlen zu erwarten standen, legte sich Wilberforce der Gedanke nahe, die mit so vieler Mühe und Arbeit verbundene Vertretung der großen Grafschaft York aufzugeben und sich lieber für einen kleineren Bezirk wählen zu lassen. Die sorgfältige Beschäftigung mit seinen Kindern hatte ihn die Notwendigkeit eines solchen Schrittes deutlich einsehen gelehrt.
Seinen bisherigen Wählern wollte es freilich gar nicht einleuchten, daß sie den Mann verlieren sollten, der so lange mit hingebender Treue ihre Interessen im Parlamente vertreten hatte, und dessen Namen im ganzen Lande einen so hellen, guten Klang besaß; es bedurfte einer wiederholten bestimmten Erklärung von seiner Seite, daß er die ihm angetragene Wahl für den Flecken Bramber annehmen wolle, ehe sie an die Festigkeit seines Entschlusses glaubten. Aber als sie nicht mehr zweifeln konnten und ihn schweren Herzens aufgeben mußten, ehrten sie seine Verdienste um sie mit einer warmen anerkennenden Dankadresse.
Daß Wilberforce dem Parlamente seine Thätigkeit nicht ganz entzog, wurde selbst von Solchen, die bisher seine Gegner gewesen waren, anerkannt und mit Freuden begrüßt.