VII.
Die freie Zeit, welche Wilberforce dadurch gewann, daß er nicht mehr soviel mit der Vertretung seines Wahlbezirks zu thun hatte, verwendete er außer für die Sklavensache, von welcher er täglich neu die Erfahrung machte, wieviel dabei noch zu thun sei, in der That jetzt in der gewissenhaftesten Weise für die Erziehung seiner Kinder. Er ließ sich dabei von der erfahrenen Kinderfreundin und Jugendlehrerin beraten, mit der er in so genauer, freundlicher Beziehung stand, von Hannah More.
Sooft die Kinder, welche schon so weit erwachsen waren, daß sie auswärtige Schulen besuchten, nach Hause kamen, suchte er sich ihnen ganz zu widmen und ihnen durch Liebe und Freundlichkeit das Elternhaus recht teuer zu machen. War er mit ihnen auf dem Lande, so nahm er trotz seiner 50 Jahre lustig an ihren Spielen teil und entwickelte dabei einen solchen Eifer, daß er einmal wegen einer Verletzung am Beine, die er beim Ballspiel davongetragen hatte, mehrere Wochen das Zimmer hüten mußte.
Dazwischen las er mit ihnen unterhaltende und belehrende Schriften, aber nicht ohne dieselben vorher auf ihren Inhalt genau angesehen zu haben, und würzte oder vervollständigte das Gelesene durch Mitteilungen aus seiner eigenen reichen Lebenserfahrung. Vornehmlich suchte er bei ihnen, soweit es ihrem Lebensalter angemessen war, eine rechte Liebe zu dem Worte Gottes zu erwecken, indem er es nicht allein täglich in den Familienandachten vorlas, sondern auch Besprechungen daran knüpfte und es in recht verständlicher, kindlicher Weise auslegte. Dabei war aber, wie schon bemerkt worden ist, seine ängstlichste Aufmerksamkeit darauf gerichtet, daß seine Kinder in der Wahrheit blieben und daß kein gemachtes Wesen bei ihnen aufkam. Mit dem bittersten Ernste strafte er alles, was nur an das Gebiet des geistlichen Geschwätzes anzustreifen schien, und mahnte unablässig zur Nüchternheit und Aufrichtigkeit.
Noch ernster nahm er es damit, als er erfuhr, daß der Sohn eines Freundes auf böse Wege geriet und ein trauriges Ende nahm, weil er im elterlichen Hause durch unaufhörliche Beschäftigung mit religiösen Dingen einen vollständigen Widerwillen gegen alle Religion gefaßt hatte und sich, sowie er dem elterlichen Hause entwachsen war, ganz und gar dem Unglauben und der Freigeisterei in die Arme geworfen hatte.
Gern gestattete er seinen Kindern harmlose Lebensfreuden und Erheiterungen, ja suchte ihnen selber solche in jeder möglichen Form zu bereiten. Überhaupt huldigte er bei der religiösen Erziehung seiner Kinder dem unzweifelhaft richtigen Grundsatze: »Sprich mehr zu Gott über deine Kinder, als zu deinen Kindern über Gott!«
Wie treulich er das erstere that, mag eine Stelle aus seinem Tagebuche zeigen, worin er sich selbst anklagend sagt: »Ich bin mir der Unzulänglichkeit meiner Kräfte in allem, was die Erziehung meiner Kinder betrifft, wohl bewußt, hoffe aber in Demut und Zuversicht, daß ich in Wahrheit sagen kann: die geistlichen Angelegenheiten meiner Kinder sind das Hauptziel meines Strebens. Es kommt mir mehr darauf an, sie als wahre Christen, denn als große Gelehrte oder sonst ausgezeichnete Leute zu sehen. Ich bitte Gott ernstlich um Weisheit für mich und um reichliche Gnade für meine Kinder, und bin dabei fest entschlossen, alle meine Maßregeln genau zu überlegen und dann erst zu handeln. In Beziehung auf den Erfolg bin ich dann auf Grund der Verheißungen in der Schrift guten Mutes.«
Um erkennen zu lassen, in welch herzlicher, kindlicher Weise Wilberforce mit seinen Kindern zu verkehren verstand, lassen wir hier einen Brief folgen, den er bei einer längeren Abwesenheit von Hause an einen seiner jüngeren Söhne richtete, und der zugleich darthut, daß er auch bei den dringendsten Geschäften doch Zeit zu gewinnen wußte, um sich mit seinen Kindern brieflich zu unterhalten.
»Mein teuerster Sohn!« schreibt er, »es gefällt mir gar nicht, daß Du das einzige von meinen Kindern bist, welches während meiner Abwesenheit nicht an mich geschrieben hat und daß Du das einzige sein solltest, an welches ich nicht schriebe. Daher ergreife ich meine Feder, wenn auch nur für sehr wenige Augenblicke, um Dir zu versichern, daß ich nicht vermute, Dein Schweigen sei aus einem Mangel an Zuneigung entsprungen, sowenig als das meinige aus derselben Quelle herzuleiten ist. Es giebt einen gewissen bösen Geist, genannt »Aufschub«, welcher ein Schloß in der Luft zu Sandgate (NB. dem augenblicklichen Aufenthaltsorte der Familie) sowohl, wie an vielen anderen Plätzen bewohnt. Ich vermute, daß Du eines Tages, vielleicht an dem Schwanz Deines Drachen, aufgefahren bist und Dich in diesem Schlosse niedergelassen hast, worin es sehr große weite Zimmer mit herrlichen Aussichten nach allen Richtungen giebt. Wahrscheinlich wirst Du diese Wohnung nicht verlassen wollen, bis Du hörst, daß ich auf dem Wege nach Sandgate bin. Du könntest dort den »Morgen-Mann« (d. h. der alles auf morgen verschiebt) treffen, und ich hoffe, Du wirst von ihm verlangen, den Rest der unterhaltenden Geschichte zu hören, von welcher Miß Edgeworth einen Teil erzählt hat, obgleich ich fürchte, er wird zu sehr nach dem Geiste des Platzes handeln, als daß er nicht einen Teil der Geschichte noch unerzählt lassen sollte – bis morgen. Doch ich treibe Scherze und bin doch diesen Morgen ungewöhnlich in meiner Zeit beengt. Ich will darum, mein teuerstes Kind, Dich nur noch ernstlich vor dem Aufschub warnen, als einem der gefährlichsten Feinde einer nützlichen Wirksamkeit, und Dir versichern, daß ich bin heute, morgen und immer, solange ich lebe
Dein Dich liebender Vater W. Wilberforce.«