Wie er aber mit seinen Kindern zu scherzen verstand, ließ es Wilberforce im Verkehre mit ihnen auch nicht am heiligsten Ernste fehlen. Das zeigt der Schluß eines Briefes, den er an seinen ältesten 17jährigen Sohn richtete, und darin es heißt:
»Da ich alle meine Zeit aufgewendet und auch die Deinige in Anspruch genommen habe, so muß ich zum Schlusse eilen, aber nicht ohne in wenigen Worten meinem teuern William zu versichern, wie oft ich an ihn denke, wie oft ich für ihn bete. O mein teuerster Sohn, ich beschwöre Dich ernstlich, Dich nicht verführen zu lassen zur Vernachlässigung, Abkürzung oder Übereilung Deiner Morgengebete. Vor allen Dingen hüte Dich, Gott in Deinem Kämmerlein zu vernachlässigen. Nichts ist gefährlicher für das Leben und die Macht der Religion, nichts veranlaßt gewisser Gott, seine Gnade zu entziehen. Lebe wohl, mein geliebter William, mein Erstgeborner, und o mein teuerster Sohn, halte im Gedächtnis, was für eine Quelle der Freude oder des Grams Du Deiner Dich liebenden Mutter sein kannst und Deinem Dich liebenden Vater und Freunde
W. Wilberforce.
Derartige Briefe wechselte der Vater wenigstens einmal wöchentlich mit seinen Kindern, und um nie daran gehindert zu sein, führte er stets Schreibgeräte bei sich, und schrieb nicht selten aus den Häusern seiner Freunde, bei denen er eingetreten war.
Wenn wir bisher nur seiner eigenen Bemühungen um seine Kinder gedacht haben, so soll damit aber keineswegs angedeutet sein, als ob er dabei nicht in voller Gemeinschaft und in vollem Einklange mit seiner Gattin gehandelt habe. Im Gegenteile waren beide Eltern stets vereint in liebender Fürsorge für die Kinder. Dafür mag nachfolgende Stelle Zeugnis geben, die einem Briefe entnommen ist, den Wilberforce an seine Frau schrieb:
»Möge Gott Dich segnen, und wenn es so sein Wille ist, möchten wir noch lange einander erhalten werden! Ich hege die lebendige Überzeugung, daß dies sehr auf dem Verhalten unserer Kinder beruht. Wie ich oft gesagt habe, laß es für uns ein Grund sein, danach zu trachten, daß wir selbst in der Gnade wachsen. Denn je mehr wir selbst die Gunst des Himmels zu erlangen suchen, um mich so auszudrücken, desto sicherer werden wir, was wir ja inbrünstig erbitten, das Heil unserer Kinder fördern. O daß ich nur noch sehen könnte, wie sie ihre Herzen Gott darbringen! Ich denke, dann könnte ich mich freudig zur Ruhe legen.«
Über solch treuer Fürsorge für seine Kinder vergaß jedoch Wilberforce seine Sklavensache durchaus nicht, sondern benutzte die größere Freiheit von eigentlichen Berufsgeschäften, die er jetzt genoß, dazu, diese Sache auf immer weitere und höhere Bahnen zu bringen. Er wußte ja freilich wohl, daß ein Werk, das zu seiner Vorbereitung allein soviele Jahre erfordert hatte, und so schweren, heißen Kampf, nicht in kurzer Zeit vollendet dastehen könne, und deshalb steuerte er geduldig und beharrlich, Schritt um Schritt dem Endziele zu, das aber jetzt nicht mehr blos die Aufhebung des Sklavenhandels für ihn war, sondern die gänzliche Abschaffung der Sklaverei.
Einstweilen konnte er sich nicht darüber täuschen, daß der Sklavenhandel ruhig seinen Gang fortging, daß selbst englische Schiffe trotz des bestehenden gesetzlichen Verbots ihn fortsetzen. In Voraussicht dessen hatte er schon sogleich nach seinem Siege im Parlamente darauf gedrungen, daß englische Kriegsschiffe an die afrikanischen Küsten beordert würden, um dort zu kreuzen, jedes englische Sklavenschiff wenigstens wegzunehmen und die darauf befindlichen Neger wieder in Freiheit zu setzen.
Jetzt unterstützte er eifrig den Vorschlag, freie Arbeiter in die westindischen Kolonien überzuführen, welche dort gegen bestimmten Lohn auf den Plantagen arbeiteten.
Vor Allem aber kam es darauf an, sorgfältig darüber zu wachen, und die geeigneten Maßregeln zu treffen, daß nicht, sei es heimlich durch englische, sei es öffentlich durch spanische, französische oder portugiesische Schiffe immer neue Neger in jene Kolonien eingeführt würden. Deshalb sollten die Namen sämtlicher Negersklaven, die sich dort bereits befänden, in öffentliche Listen eingetragen, und jeder Pflanzer bestraft werden, der bei einer eintretenden Untersuchung im Besitze eines nicht eingetragenen Sklaven befunden würde.