Das wäre denn freilich ein gewaltiger Eingriff gewesen in die Rechte der einzelnen Kolonien und ihrer Regierungen, welche ziemlich selbständig wirtschafteten, und es stand zu befürchten, daß eine gewaltige Aufregung in allen Kolonien die Folge wäre. Daher glaubte man am besten zu thun, wenn man zuerst auf der Insel Trinidad, der südlichsten der kleinen Antillen vor dem Meerbusen von Paria, einen Versuch mit der Einregistrierung der Sklaven machte. Denn diese Insel, welche die Engländer von den Spaniern erobert hatten und welche 1802 im Frieden von Amiens förmlich an sie abgetreten worden war, hatte noch keine so selbständige Regierung, daß man auf dieselbe besondere Rücksichten hätte nehmen müssen.
Der Minister Perçeval, welcher seit 1807 das Ministerium leitete und Wilberforce in seinen Bestrebungen gerne unterstützte, erließ auch wirklich den Befehl, daß die Registrierung der Negersklaven auf Trinidad sofort zu geschehen habe, und war auch weiter durchaus nicht abgeneigt, diese Maßregel, wenn sie sich hier als wirksam zur Hemmung des Sklavenhandels bewähre, auf die übrigen westindischen Kolonieen Englands auszudehnen.
Aber der wohlwollende, christlich gesinnte Mann fiel am 11. Mai 1812 als das Opfer eines Wahnsinnigen, der ihn erschoß, tief betrauert von Wilberforce, der an ihm eine kräftige Stütze verlor und nun vorläufig wenig Aussicht hatte, daß die allgemeine Aufzeichnung der Sklaven in den Kolonieen zu stande komme. Nur in der »afrikanischen Stiftung« behielt man die Sache fest im Auge und zog sorgfältige Erkundigungen ein darüber, welche Wirkung die auf Trinidad ausgeführte Maßregel habe.
Inzwischen richtete Wilberforce, der nicht ruhen konnte, seine Blicke von Westindien nach Ostindien hinüber, für das er ja schon einmal seine Thätigkeit eingesetzt hatte, um dazu zu helfen, daß den dortigen Eingeborenen in reicherem Maße das Christentum gebracht werde, als es die sogenannte »ostindische Kompagnie« gethan haben wollte, die dort drüben fast unabhängig von der Regierung des englischen Mutterlandes die Kolonieen beherrschte.
Im Jahre 1813 erlosch nämlich einmal wieder der jener Kompagnie von England bewilligte Freibrief, laut dessen sie nicht blos den ganzen Handel mit England und allen anderen Ländern betrieb, sondern auch so ziemlich nach freiem Ermessen und Gutdünken wirtschaften konnte und dafür nur eine bestimmte Abgabe an die englische Regierung entrichtete. Viele Stimmen sprachen sich nun dafür aus, daß der Freibrief in seiner bisherigen Ausdehnung nicht mehr ausgestellt und dadurch jene Kompagnie zu einer beherrschenden Macht im Staate gemacht werden dürfe. Dies glaubte Wilberforce benutzen zu müssen, um einen Druck auf die ostindische Kompagnie auszuüben, daß sie, wie es auch sonst mit ihrem Freibriefe ergehen möge, wenigstens genötigt würde, die Hemmnisse zu beseitigen, welche sie bisher der Ausbreitung des Christentums in den Weg gelegt hatte. Er brachte die Angelegenheit im Parlamente zur Sprache, unterstützt von 900 Bittschriften, die er aus allen Teilen Englands zusammengebracht hatte. Er bot wieder seine ganze Beredtsamkeit auf und erreichte es zu seiner großen Freude auch wirklich, daß sich die große Mehrzahl des Parlaments zu Beschlüssen vereinigte, in Folge deren der Missionsarbeit in Ostindien kein Hindernis mehr bereitet werden konnte.
Auch in seiner Sklavensache durfte er einen erfreulichen Fortschritt verzeichnen. Es war ihm nämlich schon lange ein Dorn im Auge gewesen, daß auf der einzigen Besitzung Schwedens in Westindien, auf der kleinen Insel St. Barthelemy, ein bedeutender Sklavenmarkt bestand, auf dem sich die westindischen Pflanzer trotz der Wachsamkeit der englischen Kriegsschiffe leicht mit Sklaven versorgen konnten, solange nicht die oben erwähnte Maßregel, die Sklaven aufzuzeichnen, allgemein durchgeführt war.
Als nun Schweden, das auf Napoleons Befehl an England hatte den Krieg erklären müssen, aber unter diesem Kriegszustande selbst am meisten litt, nach Napoleons Niederlage in Rußland sich zum Anschlusse an die gegen Napoleon verbündeten europäischen Mächte entschloß und mit England seinen Frieden zu machen suchte, drang Wilberforce bei den Ministern darauf, daß in die Friedensbedingungen, die England stellte, auch die aufgenommen würde, daß Schweden den Sklavenhandel aufgeben und aufheben müsse. Es wurde ihm willfahrt, und als erst Schweden sich in Folge dessen zur Aufhebung des Sklavenhandels herbeigelassen hatte, folgte ihm auch Dänemark bald freiwillig darin nach.
Auch vom Festlande herüber kamen verheißungsvolle Nachrichten, welche ein baldiges Ende von Napoleons Gewaltherrschaft und einen dauernden Frieden in Aussicht stellten, bei dessen Schließung etwas für die Sklavensache Ersprießliches durchzusetzen möglich schien. Und als das Gehoffte geschehen war, als Napoleon entthront und von seinen Marschällen aufgegeben, auf der Insel Elba saß, wie frohlockend schrieb da Wilberforce an seine alte Freundin Hannah More! Hatte er doch allezeit den Corsen für eine Gottesgeißel gehalten, die der Herr, wenn er sie zur Züchtigung der Völker gebraucht hätte, wieder wegwerfen würde. »So hat denn,« schrieb er jetzt, »die Dynastie Buonaparte aufgehört, zu regieren, wie Freund Talleyrand uns benachrichtigt; das hat Gott gethan! Wie sehr wünschte ich nur, daß mein armer alter Freund Pitt noch lebte, um Zeuge von dieser Entwickelung des 25 Jahre dauernden Dramas zu sein!« – Wie ergriff er aber auch sofort die Gelegenheit, aus der völlig veränderten Lage Frankreichs für die Sklavensache Nutzen zu ziehen!
Kaum hatte Ludwig XVIII. wieder seinen Einzug in Paris gehalten und den französischen Thron bestiegen, als er seinen Schwager Stephen veranlaßte, ein Schreiben an denselben zu richten und ihm ehrerbietig vorzustellen, wie nun, wo England und Amerika, Schweden und Dänemark den schändlichen Sklavenhandel abgestellt hätten und selbst Portugal seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr in Abrede stellte, ja sich zu allmählicher Aufhebung desselben verstehen wolle, Frankreich nicht zurückbleiben dürfe, da ohnehin während der langen Kriegszeit ihm dieser Handel so gut wie verloren gegangen wäre und eine gesetzliche Abschaffung desselben keine Interessen seiner Bewohner schädigen könnte.
Wilberforce selbst aber entschloß sich, an den Kaiser von Rußland zu schreiben, als an den mächtigsten unter den verbündeten Monarchen, und ihn um seine Mitwirkung zur völligen Abschaffung des Sklavenhandels zu bitten. Dieser Brief war ihm so wichtig, daß er, was er sonst nie that, selbst einen Sonntag darauf verwendete, freilich nicht ohne sich nachher ernstlich selbst darüber zu strafen.