Am Schlusse dieses Briefes hieß es: »Aber obgleich die Schuld und die Schande dieses schrecklichen Handels Großbritannien nicht mehr trifft, so besteht er selbst doch noch, und in der Hoffnung, Sire, daß Sie Ihren mächtigen Einfluß zur Unterdrückung desselben anwenden, rufe ich Sie im Namen der Religion, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit an, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Dem göttlichen Segen vertraue ich diese Zeilen an. Möge das allmächtige Wesen, dem Sie, wie ich die Zuversicht hege, anhangen und dienen, welches Sie zum Hauptleiter bei der Befreiung des europäischen Festlandes von den Banden erhoben hat, in denen es durch eine geheimnißvolle Vorsehung so lange gehalten war, Sie zu dem geehrten Werkzeuge machen, durch welches es auch an Afrika seine gnädigen Absichten vollführt! Mögen Sie leben, Sire, ein Zeuge des gesegneten Erfolgs dieser Ihrer Wohlthaten, durch welche christliches Licht, sittliche Besserung und gesellschaftliches Wohlergehen über die in Nacht liegenden Gegenden kommen! Mögen Sie hören, wie die schwarzen Kinder nach der Schrift ihre Hände erheben zu dem allein wahren Gotte und nicht zeitlichen allein, sondern auch ewigen Segen herabrufen auf das Haupt Alexanders, des Kaisers der Russen, als des größten unter ihren irdischen Wohlthätern!«
Wilberforce wollte durchaus, daß bei den Verhandlungen wegen des Pariser Friedens (Mai 1814) von seiten Englands die Forderung erhoben würde, daß die von ihm eroberten französischen Kolonieen nur unter der Bedingung zurückgegeben werden könnten, daß Frankreich sich zur Abschaffung des Sklavenhandels verstünde. Er setzte alles in Bewegung, um darauf hinzuwirken. Er wollte anfangs sogar selber in eigener Person nach Paris reisen und dort seinen Einfluß geltend machen, zog es jedoch endlich vor, zu Hause zu bleiben, weil ihm das Parlament ein geeigneterer Schauplatz für sein Wirken zu sein schien.
Aber obwohl der frühere Leiter der Sierra Leone-Gesellschaft, der zu den eifrigsten Gegnern des Sklavenhandels gehörte, an seiner Stelle hinüberging und seinen Einfluß auf den englischen Bevollmächtigten in vollem Maße geltend machte, konnte dieser doch nur erreichen, daß Frankreich die Wiedererlangung seiner sämtlichen Kolonieen durch das unbestimmte Versprechen bezahlte, den Sklavenhandel binnen 5 Jahren aufheben zu wollen. Der französische Hochmut, so tief er auch gedemütigt worden war, sträubte sich etwas anzunehmen, was von dem gehaßten England ausging und wie ein Befehl desselben aussehen konnte, und der englische Bevollmächtigte trug wohl diesem Hochmute zu sehr Rechnung.
Wilberforce war auf das bitterste enttäuscht, gab sich aber sofort daran, zu retten, was noch zu retten war. Er mühte sich ab, recht viele Bittschriften herbeizuschaffen, in welchen das Volk sein Bedauern ausspreche über die Wendung, welche die Sklavensache jetzt genommen habe, und sich sogar zu weiteren Opfern an Kolonieen bereit erklärte, um Frankreich die ihm bewilligten 5 Jahre Sklavenhandel damit abzukaufen, aber auch ernstlich darauf dränge, daß, wenn sich eine Verkürzung dieses Zeitraums nicht erreichen ließe, durch eine allgemeine Übereinkunft aller europäischen Staaten der Sklavenhandel nach Ablauf dieser 5 Jahre für Seeraub erklärt und in der Behandlung diesem gleichgestellt werde.
Diese Bittschriften, deren wirklich 800 zusammen kamen mit beinahe einer Million Unterschriften, und deren Übergabe an das Parlament Wilberforce, als »dem Vater unserer großen Sache« anvertraut wurden, sollten dazu führen, daß das Parlament eine Adresse an den Prinz-Regenten richte, worin die Bitte und der Wunsch Ausdruck fänden, der englische Bevollmächtigte für den bevorstehenden Wiener Kongreß möge beauftragt werden, fester und entschiedener, als es beim Pariser Friedensschlusse geschehen sei, in der Sklavenfrage aufzutreten.
Wirklich gelang es auch der Beredtsamkeit, mit welcher Wilberforce die Sache im Parlamente vortrug, zu bewirken, daß eine solche Adresse an den Prinz-Regenten beschlossen wurde. »Wenn alle jetzt Lebenden«, sagte er unter Anderem, »ihre Häupter zur Ruhe gelegt haben, und die Thaten, welche jetzt so mächtig alle Gefühle aufregen, durch die Feder des kalten, unparteiischen Geschichtschreibers berichtet werden; wenn man sehen wird, daß eine solche Gelegenheit wie die jetzige verloren wurde; daß die erste Handlung des wieder eingesetzten Königs von Frankreich die Wiederherstellung eines Handels in Knechtschaft und Blut war: was für ein Urteil wird sich dann bilden von den Anstrengungen, welche England gemacht, oder von dem Einflusse, welchen es auf ein Volk unter so gewichtigen Verpflichtungen geäußert hat? Gewiß, man wird weder vom britischen Einflusse, noch von französischer Dankbarkeit eine hohe Meinung gewinnen!«
Als im Juli 1814 der Kaiser von Rußland und der König von Preußen, von ihren siegreichen Heerführern begleitet, einen Besuch in London abstatteten, hatte Wilberforce bei dem Kaiser Alexander mehrmals Audienz und wurde stets von ihm auf das huldvollste empfangen, ja erhielt die Erlaubnis, sich noch weiter schriftlich an ihn zu wenden, wenn er es für gut hielte.
Auch Friedrich Wilhelm III. wünschte Wilberforce kennen zu lernen und wurde so von ihm eingenommen, daß er ihm zum Andenken ein kostbares Porzellan-Service schenkte.
Der alte Blücher, der einer von Wilberforce geleiteten Versammlung beiwohnte, worin beraten werden sollte, wie man helfen könne, die Leiden lindern, welche der Krieg über Deutschland gebracht, erhielt von dem heiligen Eifer, mit welchem Wilberforce für die Notleidenden redete, einen so tiefen lebhaften Eindruck, daß er sich nachher demselben vorstellen ließ und sich in sehr herzlicher Weise mit ihm unterhielt, allerdings vermittels eines Dolmetschers, da er der englischen Sprache ebensowenig mächtig war, wie Wilberforce der deutschen.
Selbst von den Kosaken, die in Begleitung der Monarchen mit nach England gekommen waren, erzählt Wilberforce, daß sie obwohl sonst scheu gegen Jedermann, sich doch gegen ihn stets freundlich bewiesen hätten. Vielleicht hatten sie mitangesehen oder erfahren, daß nicht blos ihr Kaiser mit ihm freundlich gewesen, sondern auch der von ihnen so hoch geehrte »Marschall Vorwärts.«