Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen Gelegenheiten, den Mächtigen der Erde nahezukommen, darauf bedacht nahm, wo es nur irgend anging, ein gutes Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was half's, daß er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der englische Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten Anweisungen erhalten hatte von seiten des Prinz-Regenten, die Sklavensache mit aller Entschiedenheit so wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? – Der Erfolg all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es wurde nur erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz bestimmten Teil der afrikanischen Küste beschränkt werden sollte. Denn außer dem Könige Ludwig XVIII. waren unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur sehr wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit gerade von England so nachdrücklich betont, so kräftig betrieben wurde, gereichte ihr am allerwenigsten zur Empfehlung bei den Franzosen. Wie freudig man auch in Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der Mann von Elba geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch den französischen Hochmut im stillen, daß sich England allein unter den von ihm bekämpften Mächten unter diesen Druck nicht hatte beugen lassen.

Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem Wege friedlicher Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden können, mit einem Male durch einen Machtspruch dessen hinausgeführt werden würde, der so lange nicht nur seinem eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der Knechtschaft aufgedrückt hatte?

Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück nach Frankreich, und wenn auch er sogleich von allen Monarchen Europas in die Acht erklärt wurde, war doch der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der Franzosen so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne Widerstand den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen Thron Frankreichs wieder einnehmen konnte. Und – wer hätte sich nicht darüber wundern sollen? – eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er die gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete, und zwar für sofort, ohne daß er sich an die im Pariser Frieden festgesetzte fünfzehnjährige Frist kehrte.

Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde bei Waterloo und bei Belle-Alliance durch die Anstrengungen Blüchers und Wellingtons ohne jegliche Hoffnung auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt war, mußte es als eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen Machtspruch Napoleons gegen den Sklavenhandel wieder aufzuheben.

Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen Machtspruchs von Herzen, wenn er auch deshalb von dem gefallenen Tyrannen keine bessere Meinung bekam. Er urteilte nach wie vor über ihn als eine Zuchtrute Gottes für die Völker Europas und drückte sich dahin aus, als er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er führt unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich, daß die Leiden, welche er früher über die Nationen Europas gebracht hat, die beabsichtigte Wirkung der Demütigung und Besserung nicht hervorbrachten; deshalb ist es ihm erlaubt worden, noch einmal aufzutreten und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«

Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die Wilberforce am 18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance zu seinen Kindern sprechen ließ, als er sie bei dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo er sich gerade mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir so in Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven Soldaten einen heftigen Kampf in Belgien. O wie dankbar sollten wir für alle Güte Gottes gegen uns sein!«

Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht« zur Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle. Denn ein Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt hatte, brachte dem Prinz-Regenten die Freudenkunde von dem großen Siege, den die Engländer und Preußen nach heißem Kampfe erfochten hätten.

»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen Auftrag gegeben?« fragte der Prinz-Regent den willkommenen Boten.

»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen, Herrn Wilberforce von allem, was vorgegangen ist, zu benachrichtigen.«