»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete der Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn freuen.«


VIII.

Wilberforce durfte jetzt, wo nur noch Spanien und Portugal an dem Sklavenhandel festhielten, ohne sich aber voraussichtlich noch lange dem Drucke der öffentlichen Meinung entziehen zu können, in bezug auf seine große, heilige Sache hell und freudig in die Zukunft blicken. Aber um so trüber und trauriger gestaltete sich für ihn persönlich die Gegenwart.

Schon am 15. Januar 1815 nämlich war sein treuer Mitarbeiter und Freund Henry Thornton gestorben, von welchem er selbst bezeugt, daß derselbe einer seiner ältesten, genauesten, innigsten und wertvollsten Freunde gewesen sei, und dessen Verlust ihm um so schwerer fiel, weil er in christlicher Beziehung auf völlig gleichem Boden mit ihm gestanden hatte und so ein Austausch der Herzen über die höchsten, heiligsten Dinge und Fragen des Lebens zwischen ihnen möglich gewesen war.

Bald nach demselben starben ihm noch zwei andere Freunde, die seinem Herzen ebenfalls nahe gestanden hatten, sodaß er an Hannah More schrieb: »Wie ergreifend! Wir schauen uns alle unwillkürlich um und fragen mit forschendem Blicke: Wer ist wohl der nächste, Herr? O möchten diese Warnungen die gehörigen Folgen haben, daß sie uns für die Vorladung bereit machen!«

Und wenn auch nicht der so doch die »nächste« ließ nicht lange auf sich warten; denn schon am 13. Oktober folgte die Witwe von Henry Thornton ihrem Gatten nach mit einem Tode, der für den an ihr Sterbebett berufenen Wilberforce im höchsten Grade erbaulich wurde. Als er am Morgen ihres Todestages in die Versammlung einer Hülfs-Bibelgesellschaft ging, konnte er es nicht lassen, dort von dem tiefen Eindrucke, welchen die Sterbende auf ihn gemacht hatte, beredtes Zeugnis zu geben.

»Ich komme jetzt eben,« sagte er, »von einem Auftritte, wo der Wert des Buches, dessen Verbreitung der Gegenstand Ihrer Thätigkeit ist, sich klar entfaltet hat. Ich darf das Zeugnis nicht vorenthalten, welches hier von der heilenden und siegreichen Wirksamkeit der vom Geiste Gottes eingegebenen Schrift sich zeigte. Ich komme aus einem Zimmer, in welchem eine Witwe, umgeben von ihren nun bald völlig verwaisten Kindern, befähigt ist, dem letzten Feinde ruhig ins Auge zu sehen. Sie selbst besitzt einen Frieden, welchen nichts trüben kann, da er die Gabe Gottes ist. Ihre Kinder sind in gewissem Grade im stande, das Vorgefühl der Hoffnung ihrer Verherrlichung zu hegen. Es ist ein Auftritt, welchem man beigewohnt haben muß, um den vollen Eindruck im Herzen zu erforschen: ein Bewußtsein der Zufriedenheit und des Glücks in den Augenblicken des tiefsten äußeren Mangels und Kummers, eine Erhebung über die Leiden und Anfechtungen dieses vergänglichen Lebens. – Laßt mich fragen: ist dieser Trost in Traurigkeit, diese Hoffnung im Tode etwa ein Familiengeheimnis, von dem die Menschen im allgemeinen ausgeschlossen sind? Nein, es ist das, was das Wort Gottes allen bietet, welche es ergreifen wollen. Wie konnte ich daher umhin, zu kommen und Ihnen Glück zu wünschen, daß es ihnen gestattet ist, die geehrten Werkzeuge des Allmächtigen zur Verbreitung einer solchen Herzstärkung in einer sterblichen Welt zu sein? Wie konnte ich umhin, mich zu freuen, daß es mir vergönnt ist, mich mit Ihnen zu vereinigen in den Bemühungen, durch welche diese unvergänglichen Segnungen in Umlauf gesetzt werden?«

Aber es waren nicht blos diese rasch hinter einander folgenden Todesfälle, wodurch ein trüber, trauriger Schatten in das Leben unseres Wilberforce fiel, sondern auch ein recht betrübendes persönliches Erlebnis.

Im Parlamente wurde nämlich ein Gesetzesvorschlag eingebracht, wonach von dem in England eingeführten Getreide ein Zoll erhoben werden sollte, die sogenannte »Kornbill«. Begreiflicherweise war dies keine erwünschte Maßregel für alle, die Brot kaufen mußten, weil dasselbe dadurch notwendig verteuert werden mußte, allein es war eine Maßregel, die sich zum Schutze der inländischen Ackerbauer als unbedingt nötig erwies. Wilberforce prüfte gewissenhaft und sorgfältig die Sachlage und trug, als er sich von der Notwendigkeit des Kornzolles überzeugt hatte, durchaus kein Bedenken, der Kornbill seine Unterstützung zu teil werden zu lassen.