Da wandte sich trotz seiner sonstigen allgemeinen Beliebtheit der Unwille des Volkes gegen ihn, und zwar in solchem Maße, daß er es für angezeigt hielt, eine Schutzwache von 6 Mann in sein Haus zu nehmen, um sich vor einem zu befürchtenden Sturme des Volkes auf dasselbe zu schützen. Auch er mußte es also erfahren, welch ein wetterwendisches Ding die Volksgunst sei und wie wenig es dieselbe verdiene, daß man begehrlich nach ihr hasche, ihr zu liebe vielleicht gar gegen die Stimme seines Gewissens handele.

So wenig ihn aber die Gunst oder Ungunst des Volkes in seinem Verhalten irgendwie beeinflussen konnte, so wenig machte er sich auch aus den Gunstbezeugungen, die ihm von seiten des Hofes zukamen, als dieser in Brighton seinen Aufenthalt nahm, wo sich Wilberforce jetzt eben mit seiner Familie aufhielt. Der Prinz-Regent lud ihn zu wiederholten Besuchen ein und überhäufte ihn mit Artigkeiten. Er trug sogar selbst Sorge dafür, daß, wenn Wilberforce die Einladung zu Tische angenommen hatte, nur solche Personen in seine Nähe gesetzt wurden, von denen er keine Kränkung in seinen religiösen Anschauungen und Gefühlen zu befürchten hatte.

Als ihn sein Schwager Stephen wegen dieser ihm erwiesenen Artigkeiten neckte und meinte, er würde am Ende doch noch »Peer«, d. h. Mitglied des Oberhauses, werden, antwortete er, da dürfe man unbesorgt sein, er werde als William Wilberforce leben und sterben; denn er sehe immer mehr, daß die Großen in der Welt am meisten zu bemitleiden seien und er danke deshalb stets seinem Gotte, daß er ihn in eine Stellung geführt habe, welche für seine Kinder nicht die großen oder wohl noch größere Versuchungen und Gefahren herbeiführen würde, die er selbst zu bestehen habe.

Auch gab es für diese Gunstbezeugungen des Hofes bald wieder ein heilsames Gegengewicht in seinem Leben, das ihn, wenn er sich ja hochmütigen Regungen hätte hingeben wollen und können, alsbald wieder niederziehen und demütig machen mußte.

Nicht allein, daß er von dem Ministerium im Stiche gelassen wurde, als er die sogenannte »Registerbill« wieder im Parlamente einbrachte, wonach die Zählung und namentliche Aufzeichnung der Sklaven, wie sie für die Insel Trinidad angeordnet worden war, und sich dort sowohl als ausführbar, als auch segensreich bewiesen hatte, für alle englischen Kolonieen in Westindien angeordnet werden sollte; nein auch die Gegner der Sklavensache regten sich wieder mit Macht, als sie inne wurden, welch' zarte Rücksichten das Ministerium damit auf die Selbstständigkeit der Regierungen in den Kolonieen nahm. Sie glaubten jetzt jedes weitere Fortschreiten des Sklavenfreundes in seinen Bestrebungen wirksam hindern zu können, und wählten dazu das verwerfliche Mittel, dessen Persönlichkeit anzutasten und nicht nur im Parlamente, sondern auch in Flugschriften, welche sie unter das Volk warfen, Wilberforce auf das schnödeste zu verdächtigen und zu verleumden. Man ging darin so weit, daß Wilberforce einmal mit bitterem Lächeln im Parlamente sagte: »Wenn alles, was mir meine Gegner vorwerfen, wahr wäre, so hätte ich schon vor 30 Jahren des Todes schuldig erklärt werden müssen.«

Es war jedoch nicht die Furcht vor diesen Verleumdungen, welche ihn abhielt, in der Sitzung des Parlamentes von 1816 die Registerbill wiederum einzubringen, sondern der erfreuliche Umstand, daß sich jetzt Spanien zur völligen Aufgebung seines Sklavenhandels zu entschließen schien und deshalb in Verhandlungen mit England eintrat, die durch das Einbringen der Registerbill hätten gestört werden können. Allerdings zogen sich diese Verhandlungen bis ins folgende Jahr hin, weil Spanien für die Aufgebung des Sklavenhandels eine hohe Entschädigungssumme forderte; aber sie kamen doch endlich zum erwünschten Austrage, nachdem man über eine Entschädigungssumme von 400,000 Pfund Sterling (= 8 Millionen Mark) übereingekommen war, welche England bezahlen sollte. Dagegen verpflichtete sich Spanien, bis zum Jahre 1820 den Sklavenhandel aufzugeben, hielt aber trotzdem nachher diesen Termin nicht ein, sondern erfüllte erst im Jahre 1822 sein Versprechen.

Als von der westindischen Insel Barbadoes Nachrichten über heftige Negeraufstände einliefen, die dort stattgefunden, war dies natürlich wieder eine willkommene Gelegenheit für die »Westindier,« Wilberforce wegen seiner Bemühungen für die Sklaven anzugreifen. Man gab die Grausamkeiten, welche sich die empörten Sklaven erlaubt hatten, diesen allein schuld, ohne anerkennen zu wollen, daß dieselben von seiten der Sklavenhalter durch ihre grausame, schonungslose Behandlung der Neger veranlaßt worden seien; man suchte daraus die Notwendigkeit zu beweisen, alle Bemühungen zu Gunsten der Neger aufzugeben, weil diese, wenn sie von solchen Bemühungen wieder hörten, dadurch zu immer neuen Empörungen und blutigen Befreiungsversuchen gereizt würden, und ebensowohl auch die andere Notwendigkeit, die widerwilligen Neger durch strengen und harten Druck niederzuhalten. Wilberforce mußte wieder seine ganze Beredsamkeit aufwenden, um seine Sache, sowie sich selbst und seine Grundsätze zu verteidigen. Er unterschrieb jedoch willig eine Adresse mit, die den Prinz-Regenten bitten sollte, seine ernste Mißbilligung der Vorgänge auf der westindischen Insel auszusprechen, aber auch den Regierungen der Kolonieen auf das Ernsteste geeignete Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Neger zu empfehlen.

Im Oktober 1816 traf unsern Wilberforce der schwere Schlag, daß seine innig geliebte Schwester, die Gattin seines Freundes Stephen, verstarb, das letzte Glied seiner Familie, von welcher er nun noch allein übrig war. Wenn er ihr mit trauerndem Herzen nachrühmen konnte, daß er in ihr die zärtlichste Schwester verloren habe, von der er in Wahrheit sagen könne, daß es wohl nie auf Erden eine anhänglichere, edlere und treuere Freundin ihres Bruders gegeben habe, so konnte er sich ebensowohl zum Troste sagen, daß sie in wahrem Frieden mit ihrem Gotte und Heilande heimgegangen sei.

Wilberforce hatte bisher immer nur auf Aufhebung des Sklavenhandels und bessere Behandlung der Sklaven, welche einmal das Joch der Knechtschaft trugen, hingewirkt, ohne noch die gänzliche Aufhebung der Sklaverei und völlige Freilassung aller Sklaven, die ihm doch als höchstes Ziel vorschweben mußten, anders als in gelegentlichen Äußerungen bei Freunden angerührt zu haben. Allein es wurde ihm immer mehr zur Überzeugung, daß er nun auch thatsächlich auf dieses Ziel lossteuern müsse, wenn sein Werk kein halbes bleiben sollte. So lange es Sklaven gab, konnte auch der harte, grausame Geist nicht aussterben, mit dem man sich gegen ihre Aufstände glaubte wappnen zu müssen, und der jedes menschliche Mitgefühl mit den armen Schwarzen ersticken mußte.