Eine große Freude wurde ihm dadurch bereitet, daß sich im Jahre 1817 der Negerkönig Heinrich I. auf der Insel St. Domingo oder Haïti geradezu mit einer Bitte an ihn wandte, und es damit bewies, daß die Schwarzen seinen Eifer für ihr Wohl kannten und zu seiner Menschenliebe das vollste Zutrauen hatten.
Mit diesem Negerkönige verhielt es sich aber folgendermaßen. Von dem großen Sklavenaufstande auf St. Domingo im Jahre 1791, von welchem bereits Erwähnung gethan wurde, und bei dem sich Neger und Farbige zur Vertilgung aller Weißen auf der Insel vereinigt hatten, war das Ende gewesen, daß in der That sämtliche Weiße, soweit ihnen nicht die rechtzeitige Flucht gelang, schonungslos niedergemetzelt wurden. Der französische Nationalkonvent hatte darauf am 4. Februar 1794 den Negern und Farbigen in dem französischen Teile der Insel völlige Freiheit und völlig gleiche Rechte mit den Weißen bewilligt und sogar einen der hervorragendsten unter den aufständischen Negern, einen gewissen Toussaint L'Ouverture, zum Obergeneral aller französischen Truppen auf der Insel eingesetzt. Als nun die Spanier 1795 im Frieden von Basel ihre Besitzungen auf der Insel an die Franzosen abgetreten hatten, nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen war, gemeinsam mit den Engländern die mit den Franzosen verbündeten Neger zu besiegen, und auch die Engländer im Jahre 1797 die Insel ganz aufgegeben hatten, brachen die Neger in einem neuen Aufstande unter ihrem Führer Dessalines, auch die Herrschaft der Franzosen, so daß diese im November 1803 die Insel räumten. Jetzt warf sich Dessalines zum Herrscher der ganzen Insel auf, nahm den Titel: »Kaiser Jacob I.« an und führte ein rohes, grausames Regiment über Neger und Farbige. Aber schon nach einem Jahre wurde er in einer Empörung gegen ihn ermordet und nun brach die alte Eifersucht zwischen Negern und Farbigen wieder in hellen Flammen aus. Die Neger sammelten sich unter ihrem Generale Heinrich Christoph, die Farbigen unter dem Mulatten Pétion und teilten sich endlich friedlich in den Besitz der Insel. Die Farbigen gründeten unter Pétion eine Republik, die Neger unter Heinrich Christoph, welcher jedoch 1811 die Negerrepublik in eine erbliche Monarchie verwandelte und sich als König Heinrich I. die Krone aufsetzte. Obwohl als Sklave geboren, hatte er sich dennoch eine tüchtige geistige Bildung zu verschaffen gewußt und Erkenntnis genug gewonnen, um einzusehen, daß seine Herrschaft nur Bestand haben könne, wenn er sich bemühe, seine Schwarzen aus ihrer Rohheit und Unwissenheit herauszureißen.
Schon im Jahre 1815 hatte er sich mit Wilberforce in Verbindung zu setzen gewußt und ihm erklärt, daß er in allen Stücken seinem Rate folgen wolle. Wilberforce hatte mit Erlaubnis der Regierung diese Verbindung gerne angenommen und gepflegt, weil der schwarze König versichert hatte, nicht blos die englische Sprache, sondern auch die evangelische Religion in seinem Königreiche einführen zu wollen. Wie ihm der Negerkönig sein Bildnis zugesandt hatte, so schickte Wilberforce als Gegengabe sein eigenes, sowie das seines ältesten Sohnes nach Domingo hinüber.
Jetzt im Jahre 1817 wandte sich König Heinrich I. wiederum an Wilberforce mit der Bitte, ihm einen englischen Erzieher für seinen Sohn, sowie 7 Lehrer für das Volk und 7 Professoren für eine zu errichtende Hochschule zu senden, auch englische Landleute zur Ansiedelung auf St. Domingo zu bewegen, indem er zugleich 6000 Pfund Sterling (120,000 M.) zur Bestreitung der Kosten beilegte.
Niemand wird bezweifeln, daß es für Wilberforce eine Gewissenssache wurde, dieser Bitte zu entsprechen, und mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit die Leute auszuwählen, die er für die Verhältnisse in St. Domingo als die tüchtigsten und geeignetsten ansah. Allein es waren fruchtlose Bemühungen; denn im Jahre 1820 erschoß sich König Heinrich I. bei einem Aufstande, welcher sich gegen ihn wegen allzu strenge geübter Gerechtigkeit erhob, und die ganze Insel kam nun unter die Herrschaft eines Mulatten Boyer.
Wilberforce, der sich bei dem Kongresse zu Aachen im Jahre 1818, allerdings vergeblich, bemüht hatte, für seinen König Heinrich I. die Anerkennung der europäischen Mächte zu erlangen, betrauerte es tief, daß der für die Bildung seiner Schwarzen so eifrige Mann ein solches Ende nahm und machte sich sogar Vorwürfe darüber, daß er für dessen christliche Bildung nicht genug gethan und gebetet habe.
Auf dem Kongresse zu Aachen waren zwar die Bemühungen, die Wilberforce gemacht hatte, um zu erringen, daß von seiten der dort tagenden europäischen Mächte der Sklavenhandel, von dem er nur zu gut wußte, daß derselbe nach wie vor weiter betrieben würde, nun in der That mit der Seeräuberei auf gleiche Linie gestellt würde, von keinem Erfolge gekrönt, aber die deshalb geführten Verhandlungen hatten doch das Gute gehabt, daß den Mächten einmal wieder die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels recht in Erinnerung gebracht wurden. Wilberforce hatte sich noch einmal schriftlich an den Kaiser von Rußland gewendet, aber wie sehr auch dieser, wie sehr auch die englischen Bevollmächtigten bei dem Kongresse sich darum bemühten, es konnte weder hier in Aachen, noch auch auf dem 4 Jahre später stattfindenden Kongresse zu Verona die allgemeine Erklärung des Sklavenhandels für Seeraub erlangt werden.
Auch die »Registerbill«, obschon wiederholt von Wilberforce im Parlamente eingebracht und warm befürwortet, konnte nicht zur Annahme gelangen. Sie scheiterte stets an dem hitzigen Widerstande der »Westindier« und an ihrer steif festgehaltenen und deshalb von Vielen als richtig angesehenen Behauptung, daß die westindischen Kolonieen dadurch in ihrem Bestande gefährdet und dadurch auch England selbst schwer geschädigt werden würde. Die Verhandlungen darüber machten es aber allen Sklavenfreunden immer mehr zur unbestreitbaren Gewißheit, daß nur durch völlige Aufhebung der Sklaverei den entsetzlichen Grausamkeiten gegen die armen Neger ein Ende gemacht werden könne.
Vorläufig war jedoch für Wilberforce noch nicht daran zu denken, mit einem bestimmten dahin zielenden Antrage vor das Parlament zu treten. Die öffentliche Meinung in England war dafür noch nicht reif genug. Aber seine Papiere aus dieser Zeit geben Zeugnis davon, wie er sich fortwährend mit dem großen, edlen Gedanken beschäftigte und unablässig auf Maßregeln sann, wie vorläufig wenigstens das Elend der armen Schwarzen gelindert werden könne. Er mußte eben in seiner heiligen Sache wirken, so lange es Tag für ihn war, und die 60 Lebensjahre, die er nun schon auf dem Nacken trug, mußten ihm von Tag zu Tage mehr eine Mahnung daran werden, daß es für ihn nicht mehr weit bis zum Lebensabende und bis zu der Nacht sei, da niemand mehr wirken kann. Auch fühlte er, der eigentlich niemals recht gesund und kräftig gewesen war, deutlich, daß seine Lebenskraft sehr in der Abnahme begriffen sei, und daß er nicht mehr so wie früher in allen Angelegenheiten des Parlaments die ganze Arbeitskraft einsetzen könne und dürfe, wenn er für diejenige, welche ihm am meisten am Herzen lag, noch ein wenig Kraft behalten wolle.
Nur in Einer Angelegenheit, die mit seiner Sklavensache in keinem näheren Zusammenhange stand, konnte er es nicht lassen, wieder in die erste Reihe der Parlamentsredner einzutreten, weil sie ihm überaus wichtig erschien und im ganzen Lande große Aufregung verursachte.