Der Prinz-Regent, welcher für seinen dem völligen Wahnsinne anheimgefallenen und dazu noch erblindeten Vater Georg III. schon seit 1811 die Regierung führte, lebte mit seiner Gemahlin, einer braunschweigischen Prinzessin, in einer höchst unglücklichen Ehe, und es kam so weit, daß die Königin, die schon längst getrennt von ihrem Gemahle lebte, endlich die gänzliche gesetzliche Scheidung ihrer Ehe beantragte.

Wilberforce, dessen sittliches Gefühl sich dagegen sträubte, daß dem Volke von höchster Stelle aus solch ein böses Beispiel gegeben werden sollte und der, wenn die Scheidung der königlichen Ehe wirklich erfolgte, davon einen beklagenswerten Nachteil für die öffentliche Sittlichkeit befürchtete, bot im Parlamente alles auf, die Scheidung zu verhindern. Er fragte nichts danach, daß er sich dadurch das Mißfallen der Königin zuzog. Allein die Hartnäckigkeit dieser ließ jeden Vergleich zwischen den beiden Gatten vergeblich erscheinen, und es wäre wohl sicher zum Vollzug der Scheidung gekommen, wenn nicht im August 1821 der Tod der Königin eingetreten wäre. Auch hierbei zeigte es sich wieder recht klar, wie Wilberforce weder nach rechts noch nach links sah, wenn ihm sein Weg durch eine klar erkannte Pflicht vorgezeichnet war. Denn nicht blos, daß er durch sein Auftreten im Parlamente bei der Ehescheidungs-Verhandlung die Gunst der Königin aufs Spiel setzte, nein er lief auch dadurch Gefahr, wieder in die Ungunst des Volkes zu geraten. Denn dieses stand in seiner großen Mehrzahl auf der Seite der Königin gegen den König, welcher sich durch sein zügelloses Leben, sowie auch durch seine Regierungsgrundsätze bei dem Volke äußerst mißliebig gemacht hatte und schon einmal von einem wütenden Volkshaufen thätlich angegriffen worden war.

In seinem häuslichen Leben erlitt jetzt Wilberforce einen empfindlichen Verlust durch den Tod seiner ältesten Tochter Barbara. Dieselbe war schon im Jahre vorher kurz nach der Verheiratung des ältesten Bruders und um eben die Zeit, da Isaak Milner starb, schwer erkrankt gewesen, hatte sich aber unter der sorgfältigen, zärtlichen Pflege, welche ihr Vater und Mutter bei Tag und Nacht selbst gewidmet hatten, wieder soweit erholt, daß man sie dem Leben gewonnen glauben durfte. Doch jetzt im Jahre 1821 trat ein Rückfall ein, welchem ihre geschwächten Kräfte nicht gewachsen waren. Der Tod knickte die liebliche Menschenblume, die sich im Lichte des wahren Christentums zu herrlicher Blüte entfaltet hatte.

»Ich werde nie«, so schrieb Wilberforce an einen Freund, »die Zärtlichkeit, den Glauben, die Liebe und die Andacht vergessen, mit welcher sie, nachdem sich auf ihren Wunsch alle Übrigen entfernt hatten, ihr letztes hörbares Gebet für sich und für uns sprach. Gehalten durch eine demütige Hoffnung auf die Gnade Gottes in ihrem Erlöser und Fürsprecher, war sie fähig, ihre Leiden mit Geduld und Ergebung zu tragen und eine Fassung zu bewahren, über welche sie sich selber wunderte. An dem Todestage selbst bat sie, man möge ihren Arzt fragen, ob noch Hoffnung auf Besserung sei, »aber wenn nicht«, fügte sie hinzu, »so ist alles gut«. – Sie starb wie jemand, der einschläft, kaum ein Laut, nicht der geringste Kampf. Ich bin in der Dankbarkeit gegen den Geber alles Guten fast verpflichtet, meine Freunde aufzufordern, daß sie sich mit mir als über ein Zeugnis der göttlichen Gnade freuen. Das Bewußtsein, daß es unserm Kinde wohl ist, ist für uns ein Stärkungsmittel von unschätzbarer Wirksamkeit.«

Die Gedanken und Gefühle, welche Wilberforce am Begräbnistage des geliebten Kindes seinem Tagebuche anvertraute, sind zu bezeichnend für sein inneres Leben, zu bezeichnend besonders für die innige Dankbarkeit gegen Gott, welche sein Herz erfüllte, als daß wir uns enthalten könnten, sie wenigstens teilweise hier mitzuteilen. Es war ein ungewöhnlich kalter Wintertag, an welchem das Begräbnis stattfand, und Wilberforce mußte sich, so schwer es ihm auch wurde, in Rücksicht auf seine schwache Gesundheit enthalten, den Sarg zum Grabe zu geleiten. Aber klagte und weinte er nur daheim? Nein, im Gegenteile.

»Ich sah den Sarg«, schreibt er. »Wie eitel der Zierrat, wenn man daran denkt, in welchem Zustand der Erniedrigung sich der Körper befindet, der im Sarge liegt! Bald nachdem der Leichenwagen und unsere lieben Freunde fort waren, bin ich in mein kleines Zimmer gegangen, und hier beschäftige ich mich nun mit Schreiben und mit Gebet, indem ich Gott für seine wunderbare Güte gegen mich preise und meine äußerste Unwürdigkeit beklage. Denn wahrlich, blicke ich auf mein vergangenes Leben zurück und übersehe es; vergleiche ich besonders die zahlreichen, fast unzähligen Beweise von Gottes Freundlichkeit gegen mich damit, wie ich sie vergolten habe: so bin ich überwältigt und kann mit Wahrheit dem Zöllner nachsprechen: »Gott sei mir Sünder gnädig!« – Es ist eine besondere Güte gegen mich, und die fast einzigartigen Vorzüge, die ich genossen habe, was mich so mit Demütigung und Scham erfüllt. Meine Tage erscheinen wenig, wenn ich zurückschaue, aber sie sind eher alles andere gewesen, als böse. Ich bin in allerlei Weise gesegnet worden, und zwar auf bleibende Weise, besonders dadurch, daß ich ein heiteres Gemüt und so reichliche Glücksgüter empfing. – Ich bin so frühe für Hull ins Parlament gekommen, dann für Yorkshire sechsmal erwählt worden und hörte nur auf, für diese Grafschaft Parlamentsglied zu sein, weil ich selbst diese Stellung aufgab. Ich bin zum Werkzeuge erwählt worden, die Abschaffung des Sklavenhandels vorzubringen; ich habe mächtig der Sache des Christentums in Indien helfen können; ich bin nie in üblen Ruf gebracht, sondern immer bei allen öffentlichen Geschäften unterstützt worden. Ich entging der Lebensgefahr durch eine plötzliche Beihülfe der Vorsehung. Man hat mich nie beschimpft, weil ich mich weigerte, mich zu duellieren. – Ich habe mich so spät, 37 Jahre alt, verheiratet und doch eine der liebevollsten Frauen gefunden. Ich habe 6 Kinder gehabt, welche alle auf das äußerste an mir hangen. Obgleich uns unsere teure Barbara entrissen ist, so haben doch im ganzen wenige Menschen solchen Grund zur Dankbarkeit wegen der Kinder, die immer lauter Liebe gegen mich waren. – Kein Mensch hat wohl je so viele liebe Freunde gehabt; sie überwältigen mich ganz mit ihrer Güte und zeigen, daß es weise war, Freundschaften mit Männern meines Ranges zu pflegen, vor allem religiöse Menschen zu Freunden zu wählen. Die Großen und Edlen behandeln mich jetzt alle mit Achtung, weil sie sehen, daß ich unabhängig von ihnen bin, und einige, glaube ich, fühlen eine wahre Anhänglichkeit an mich. – Ferner habe ich Gaben genug, um mir Ansehen zu erwerben, wie durch die natürliche Gabe, öffentlich zu reden, obwohl mich mein Augenübel leider beim Studieren wie beim Schreiben hindert. – Ferner bin ich zu einem Werkzeuge gemacht worden, viel geistliches Gute durch mein Werk über das Christentum zu stiften. Wie viele haben mir mitgeteilt, es sei für sie das Mittel gewesen, daß sie sich Gott zugewendet haben!«

Aber wie weit entfernt ist Wilberforce von Stolz und Selbstüberhebung bei dieser Aufzählung der ihm verliehenen Gaben und der von ihm geübten Wirksamkeit! Wie sieht er vielmehr alles als Gnadengaben und Gnadenwirkungen von oben herab an und gibt in tiefster Demut dem Herrn allein die Ehre dafür!

»Und das alles,« so bekennt er, »dauert nun schon so lange, obgleich ich Gott so viele Ursache gegeben habe, es mir zu nehmen! Diese zu nennen, gehört nicht hierher, aber mein Herz weiß und fühlt sie und wird sie hoffentlich immer fühlen. Es ist aber eine große Gnade, daß Gott mich befähigt hat, einen reinen gleichmäßigen äußeren Wandel zu führen, sodaß ich meinem christlichen Bekenntnisse niemals Schande gemacht habe. Lobe den Herrn, meine Seele! Und nun, Herr, will ich mich noch feierlicher und entschlossener Dir weihen, und wünsche, noch mehr, als ich es je gethan habe, meine Fähigkeiten zu Deiner Ehre und in Deinem Dienste anzuwenden.«

Gewiß eine eigentümliche Totenfeier am Begräbnistage eines lieben Kindes! Aber wer könnte zweifeln, daß es dadurch dem tiefbetrübten Vater möglich wurde, seinen großen menschlichen Schmerz unter die Füße zu treten und sich zu dem Worte Hiobs aufzuschwingen: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!?«