IX.
Wie an dieser Tochter, so durfte Wilberforce aber auch an seinen übrigen Kindern hohe, heilige Vaterfreude erleben und die gottgesegneten Früchte einer Erziehung einernten, die von der größten Weisheit und Liebe geleitet war und besonders bei den höchsten, heiligsten Herzensangelegenheiten stets aus die größte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit drang.
Er wollte nicht, daß seine Söhne in seine eigenen Fußstapfen treten und sich auch zu Männern des Parlaments heranbilden sollten. Er kannte dazu die Versuchlichkeit der öffentlichen Thätigkeit und die Gefahren, welche dieselben für das innere Leben hat, viel zu gut aus eigener Erfahrung. Vielmehr war es sein inniger Wunsch, daß sich seine Söhne, soweit sie sich dazu eigneten, dem Dienste der Kirche widmeten, und er durfte auch die große Freude erleben, daß sie diesen heiligen Beruf mit innerer Zustimmung und voller Herzensfreudigkeit ergriffen.
Wie sehr er darauf bedacht war, daß ihnen die rechte innere Weihe für diesen Beruf zu teil werde, daß sie vor allem rechte Männer des Gebets würden, wie er selbst zu seinem eigenen täglich verspürten Segen durch Gottes Gnade einer geworden war, mag folgende Stelle aus einem Briefe an einen seiner Söhne zeigen, der in Cambridge seinen Studien oblag:
»O mein teuerster Sohn,« schreibt er, »was gäbe ich darum, Dich als ein Licht in der Welt zu sehen! Der Gedanke daran lockt mir Thränen in die Augen und macht mich fast unfähig, fortzuschreiben. Mein teuerster Sohn, stecke dein Ziel hoch, strebe danach, ein Christ zu werden im vollsten Sinne des Wortes! Wie wenig weißt Du, zu welchem Dienste Dich Gott berufen kann! Die Jünglinge unserer Tage sind nicht in Gefahr, dem Feuer und Schwerte ausgesetzt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden; aber die Folge dieser Sicherheit ist, daß sie sich auch nicht auf die mildere Form der Verfolgung vorbereiten, welche zu erdulden sie vielleicht berufen werden. Aber alles ist möglich durch's Gebet, möchte ich sagen, und warum auch nicht? Denn daß es allmächtig ist, liegt in der gnädigen Ordnung Gottes, des Gottes voll Liebe und Treue. O darum bete, bete, bete, mein teuerster Sohn. Aber bedenke auch wohl, daß Du Deinen inneren Zustand nicht nach Deinem Gebete beurteilen darfst, sondern nach dessen Wirkung auf Deinen Charakter, Dein Gemüt und Deinen Wandel!«
Gott schenkte Wilberforce das große Glück und die hohe Freude, daß sein zweiter und dritter Sohn sich zu ernsten, tüchtigen Geistlichen entwickelten und es wurde ihm vergönnt, sie beide noch vor seinem Tode in Amt und Würden zu sehen und mit eigenen Augen wahrzunehmen, daß sie ihr heiliges Amt ganz in dem Geiste führten, wie er es für nötig hielt, und mit der Treue und Gewissenhaftigkeit, für die sie in ihrem Vater das beste, leuchtendste Vorbild hatten. Der eine von ihnen wurde Vikar in East Forleigh in der Grafschaft Kent, der andere Rektor in Brighstone auf der Insel Wight. Für diejenigen Leser, welche mit den kirchlichen Verhältnissen in England weniger vertraut sind, sei dazu bemerkt, daß das Amt eines Vikars ebenso wie das eines Rektors ziemlich gleichbedeutend mit dem Amte unserer Pfarrer ist, nur mit dem Unterschiede, daß der Rektor seine eigene Gemeinde hat, während der Vikar eine der vielen Pfarreien, die den hohen englischen Geistlichen übertragen zu werden pflegen, verwaltet, jedoch ebenfalls ganz selbstständig.
Seinen ältesten Sohn mußte Wilberforce sich der Landwirtschaft widmen lassen; denn seine schwächliche Gesundheit, besonders eine schwache Brust machten ihn für das Pfarramt untüchtig. Dagegen trat der jüngste wieder in die Fußstapfen seiner beiden vor ihm stehenden Brüder, und auch ihn durfte Wilberforce, ehedenn er starb, auf dem besten Wege sehen, ein treuer Diener der Kirche zu werden.
Je mehr Wilberforce die Schwächen des Alters bei sich eintreten sah – und sie traten bei seinem schwächlichen Körper ungewöhnlich frühe ein – desto mehr enthielt er sich längerer Reden im Parlamente, die er vielmehr seinen jüngeren Freunden überließ. Allein um so kräftiger und auf noch weitere Kreise wirkte er dafür durch Schriften, welche er verfaßte.
So gab er im Februar 1823 wieder eine Schrift über die Sklavensache heraus, worin er, gestützt auf die reichen Erfahrungen eines fast 35jährigen Kampfes in dieser Sache, die grausame Behandlungsweise beleuchtete, welche die Neger noch immer in der Sklaverei zu erdulden hatten, aber auch zugleich schlagend nachwies, wie nötig es sei, für den religiösen Unterricht der Sklaven zu sorgen, ihnen zu einem gesicherten Familienleben zu verhelfen und so ihrer Freilassung vorzuarbeiten, die ja doch einmal kommen werde und müsse.
Der Erzbischof von Dublin war von dieser Schrift so begeistert, daß er ausdrücklich Wilberforce seinen Dank bezeugte und ihm sagte: »Dieser Zusatz zu den edlen Anstrengungen, welche Sie mit solcher Ausdauer für jenen so grausam behandelten Teil der gemeinsamen Kinder des Einen großen Vaters gemacht haben, wird von dem Segen begleitet sein, der solchen Arbeiten christlicher Liebe niemals ausbleibt.«