Wie man über die Wirksamkeit dachte, welche Wilberforce im Parlamente und auf das Parlament geübt hatte, mag folgende Stelle aus einem Freundesbriefe zeigen:
»Mit vielem Bedauern, obgleich, wie ich sagen kann, nicht mit großer Verwunderung höre ich von Ihrer Absicht, sich vom Parlamente zurückzuziehen. Es wird ein schmerzlicher Verlust für ihre zahlreichen Freunde und für den Staat sein, aber es ist wohl ein weiser Entschluß in Beziehung auf Sie selbst. Es muß Ihnen die Bemerkung sehr zur Zufriedenheit gereichen, daß der sittliche Ton des Unterhauses sowohl wie der Nation im allgemeinen viel höher ist, als da Sie zuerst in das öffentliche Leben eintraten. Es kann kein Zweifel sein, daß Gott Sie zu dem geehrten Werkzeuge gemacht hat, viel zu dieser großen Verbesserung beizutragen. Es gibt, hoffe ich, einige viel versprechende junge Männer, die auftreten werden; aber ach! jetzt keinen, welcher Ihren Platz einnehmen könnte. Ich wollte es gäbe mehrere Elisas, auf welche Ihr Mandat fiele (NB. man vergleiche 2. Könige 2, 13–15). Das Gebet von Tausenden wird Ihnen in das Privatleben folgen, und das meinige wird fortwährend darauf gerichtet sein, daß Ihr wertvolles Leben bis zu den spätesten Zeiträumen als ein Segen für Ihre Familie, für die Kirche Gottes und für die Welt möge erhalten bleiben!«
Wilberforce beschloß nun, London ganz zu verlassen und kaufte sich ein Gut, 10 Meilen nördlich von der Stadt, Highwood Hill genannt, um hier fortan in aller Stille und Ruhe bis an das Ende seiner Tage zu leben. Er hatte jedoch auch hier nicht in dem Maße, wie er es gehofft hatte, völlige Freiheit, über seine Zeit zu verfügen. Dazu gab es zu viele Freunde, von denen er sich nicht nicht ganz zurückziehen wollte, und die ihn, auch wenn er dies gewollt hätte, ihrerseits nicht losgelassen hätten, mit denen also ein fortgesetzter Briefwechsel unterhalten sein wollte; dazu gab es zu viele Gelegenheiten, mit Rat und That einzutreten, wo es sich um die Förderung des Reiches Gottes handelte, denen er sich nicht entziehen konnte und wollte.
So suchte er, als man in London eine Schule für höheren Unterricht der Handwerker, also etwa eine Schule nach Art unserer heutigen »Fortbildungsschulen«, einrichten wollte, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß ja auch der Unterricht in der Religion in den Lehrplan aufgenommen würde, weil es unverantwortlich sei, daß man die Jugend in dieser höchsten und wichtigsten Sache ohne Unterricht lassen wolle.
Nicht minder bemühte er sich darum, daß an der Universität zu London, die jetzt neu gegründet werden sollte, ein besonderer Lehrstuhl für Vorlesungen über die Religion errichtet werde, welche jeder Student besuchen müsse, zog aber die Unterschrift seines Namens, welche er unter eine zu diesem Zwecke abgefaßte Bittschrift gesetzt hatte, wieder zurück, als man den Besuch der fraglichen Vorlesungen in das Belieben jedes einzelnen Studenten setzen wollte.
Begreiflicherweise aber war und blieb seine ganze, volle Teilnahme nach wie vor der Sklavensache zugewendet. Wenn es sich um diese handelte, ließ er sich sogar bewegen, in öffentlichen Versammlungen den Vorsitz zu führen, was er sonst überall ablehnte. Nur wollte er nichts von »Frauen-Vereinen« zur Unterdrückung der Sklaverei hören, wie man sie jetzt von verschiedenen Seiten her ins Leben zu rufen suchte. Sein klares, nüchternes Urteil entschied sich dafür, daß es der Frau zwar wohl anstehe, wenn sie im stillen für die gute Sache wirke, »aber«, so sagte er, »wenn Frauen öffentliche Versammlungen veranstalten, Schriften veröffentlichen, von Haus zu Haus gehen, um Bittschriften zustande zu bringen, so sind das Beschäftigungen, die mir unpassend erscheinen für den weiblichen Charakter, wie er uns in der heiligen Schrift gezeichnet worden ist.«
Trotz seiner 68 Jahre und seiner hinfälligen Gesundheit unternahm Wilberforce im Jahre 1827 eine längere Reise in das nördliche England, besonders durch die Grafschaft Yorkshire. Er wollte vor seinem Tode noch einmal die Gegend besuchen, welcher er seine beste Lebenszeit und -kraft gewidmet hatte und noch einmal den vielen Freunden, die er dort besaß, die Hand zum Abschiede drücken, auch wohl da und dort noch ein gutes heilsames Wort anbringen. Aber er fand von vielen seiner dortigen Freunde nur die Gräber und schrieb deshalb voll Wehmut an seine langjährige, nun 82 Jahre alte Freundin Hannah More: »Meine Freunde fallen täglich um mich her, die Begleiter meiner Jugend, damals weit stärker und weit gesunder als ich, sind fort, während ich noch bleibe. Was für eine Spanne Zeit uns auch übrig sein mag, möchten wir beide die noch kommenden Tage zur Vorbereitung auf den letzten verwenden.«
Und das that er seinerseits treulich während der Jahre, die er nun in Ruhe und Gleichförmigkeit auf seinem Highwood Hill verlebte. Nicht als ob er sich jetzt von allem geselligen Leben vollständig zurückgezogen und jenem trüben, finsteren Geiste gänzlicher Weltflucht sich überlassen hätte, den so viele fälschlich für die höchste Blüte des wahren Christentums ansehen, weil sie selber noch nichts wissen von wahrem Frieden und wahrer Freude im heiligen Geiste, die es möglich machen, das Apostelwort zu befolgen: seid allezeit fröhlich. Nein Wilberforce liebte auch jetzt noch ein heiteres, geselliges Leben und fand seine Freude daran, wußte aber freilich die geselligen Unterhaltungen auch so zu führen, daß sie für das innere Leben jedes Teilnehmers daran förderlich werden mußten, indem er aus den Erfahrungen seines reichen Lebens wie ein guter Haushalter altes und neues hervorbrachte. Übrigens war seine Zeiteinteilung eine durchaus geregelte und seine ganze Lebensweise eine durchaus einfache, seinen Jahren angemessene.
Bald nach 7 Uhr morgens pflegte er im Sommer wie im Winter aufzustehen, und dann über eine Stunde auf seinem Zimmer mit Selbstbetrachtung, Gebet und Lesen des göttlichen Wortes zuzubringen. Während er sich für den Tag ankleidete, ließ er sich vorlesen, um ja keine Zeit für den Geist unbenutzt zu lassen. Um halb 10 Uhr traf er mit den seinigen zur Familienandacht zusammen. Diese selber abzuhalten, ließ er sich nicht nehmen, auch wenn seine Gesundheit nicht die beste war. Er las dann einen Abschnitt aus der heiligen Schrift vor, gewöhnlich aus dem Neuen Testamente, erklärte ihn mit heiligem Ernste und mit Worten, die vom heiligen Geiste gelehrt waren, und schärfte ihn mit wunderbarer Beredtsamkeit ein.
Nach dieser Andacht, die etwa eine halbe Stunde dauerte, ging er, wenn es das Wetter irgendwie erlaubte, in den Garten, um sich an den Schönheiten der Natur zu erfreuen und sich die dafür so empfängliche Seele noch mehr zum Preise des Schöpfers stimmen zu lassen. Das Frühstück pflegte er auch jetzt spät einzunehmen, wie er sich schon längst gewöhnt hatte, um eine möglichst lange, ungestörte Arbeitszeit vor demselben zu haben. Aber desto länger verweilte er dann am Frühstückstische und ließ hier seine reiche, köstliche Gabe der Unterhaltung oft so in Fluß kommen, daß es 12 Uhr wurde, ehe er aufstand, besonders wenn er Besuch von lieben Freunden hatte, mit welchen er sich innerlich eins wußte und über die höchsten Lebensfragen frei und offen besprechen konnte.