Bis 3 Uhr Nachmittags zog er sich wieder zurück, um zu studieren oder Briefe zu schreiben, und erging sich dann bei gutem Wetter noch ein Stündchen im Garten, am liebsten in Gesellschaft mit seinen guten Freunden oder auch nur von seinem Vorleser, und, wenn er alleine war, gewöhnlich ein Liedchen vor sich hinsingend, das von der freudigen Stimmung seines Herzens Kunde gab.

Nach der Hauptmahlzeit, welche nach englischer Sitte erst um 5 Uhr Nachmittags, aber nie später, stattfand, legte er sich auf anderthalb Stunden nieder, um für den Abend, welcher in England stets dem geselligen Leben, wenn auch nur im engen Kreise der Familie gewidmet wird, neue Kräfte zu sammeln. Zuweilen arbeitete er nach der Ruhe noch eine Zeit lang bis zur Abendandacht, welche ebenso wie die Morgenandacht gehalten wurde, häufiger aber begab er sich sogleich wieder in den Kreis der Familie, wo denn der Abend oft bis nach Mitternacht mit Vorlesen, Erzählen und Gespräch zugebracht wurde.

Die schönste Zeit im Jahre war die Weihnachtszeit, welche stets alle seine Kinder um ihn versammelte, und die er, sich ganz von der Arbeit losmachend, immer im Schoße seiner Familie verbrachte. Da konnte er mit seinen Kindern, solange sie noch klein waren, spielen wie ein Kind; aber er ließ es auch freilich nicht daran fehlen, den schon mehr erwachsenen Kindern ein Wegweiser zu dem zu werden, der da arm ward um unseretwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden.

Waren einmal in späteren Jahren zwischen seinen Kindern, wie das ja wohl nirgends ganz ausbleibt, Verstimmungen und Entfremdungen eingetreten, so wußte er dieselben mit lindem Wort und liebreicher väterlicher Mahnung, oder noch lieber, wenn das hinreichte, mit einem witzigen Scherze wegzuschaffen, und setzte darein einen hohen Wert der jährlichen, weihnachtlichen Familienzusammenkünfte, daß sie die gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit zwischen Eltern und Kindern sowohl, wie zwischen den Geschwistern so lieblich förderten.

»Unsere lieben Kinder«, schreibt er einmal nach solch einem gesegneten Familienfeste, »leben in vieler Einigkeit. Was für Grund zur Dankbarkeit habe ich, wenn ich meine fünf Kinder, meine Schwiegertocher und meine beiden Enkel um den Tisch versammelt sehe! Lobe den Herrn, o meine Seele!«

Indessen blieben diese Jahre der Ruhe und des glücklichen Stilllebens in Highwood Hill nicht ohne jede Trübung; ja der Feierabend seines Lebens sollte für Wilberforce nicht ohne schwere Prüfungen verlaufen, damit er das Sehnen nach der himmlischen Heimat immer völliger in sein Herz kommen lasse, wo kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen mehr sein sollen.

In Highwood Hill selbst war keine Kirche, deren regelmäßiger Besuch doch für unsern Wilberforce ein wesentlicher Bestandteil seiner Sonntagsfeier war. Der Umstand, daß die nächste Kirche 3 Meilen weit entfernt war, würde ihn sicherlich vom Kaufe des Gutes abgehalten haben, wenn nicht der Bau einer neuen Kirche bereits so gut wie beschlossene Sache gewesen wäre. Um den Bau zu beschleunigen, erklärte sich Wilberforce gegen den Geistlichen des Kirchspiels sofort nach dem Antritte seines Gutes bereit, die Kosten des Baus teils aus eigenen, teils aus Mitteln, zu deren Hergabe er Freunde willig machen wolle, zu bestreiten. Um dem Geistlichen in allen Stücken entgegen zu kommen, ging er sogar auf dessen Wunsch ein, daß die neue Kirche nicht in Highwood Hill selbst, sondern eine halbe englische Meile entfernt in einem kleinen Weiler erbaut werden möge.

Gleichwohl aber trat der Geistliche aus irgend einem unbekannten Grunde gegen Wilberforce in Widerstreit und griff ihn öffentlich, sogar in seinen Predigten, als einen eigennützigen, selbstsüchtigen Menschen an, der nur seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der Gemeinde im Auge habe. Und wirklich, der ehrwürdige, selbstverleugnungsvolle Greis sah sich jetzt in seinem 70ten Lebensjahre genötigt, gegen die wider ihn geschleuderten gehässigen Verleumdungen öffentlich sich zu verteidigen, und der Bau der Kirche verzögerte sich von Monat zu Monat.

Tiefer und einschneidender in sein Schicksal wurde jedoch für Wilberforce ein anderes Erlebnis.

Wilberforce hatte sich, wie wir schon erwähnt haben, von jeher gewöhnt, sich nur als Gottes Haushalter über das ihm anvertraute irdische Gut zu betrachten und dasselbe deshalb in reichem, manchmal überreichem Maße zu Werken der Wohlthätigkeit verwandt. Er war der Ansicht, daß auch seinen Kindern mehr Segen für ihre Zukunft daraus erwachsen würde, als wenn er bemüht wäre, das Familienvermögen zu vermehren und tote Schätze zusammenzuhäufen.