Nun hatte er für seinen ältesten Sohn, der sich wegen seiner schwachen Gesundheit der Landwirtschaft gewidmet hatte, ein ansehnliches Gut kaufen lassen und sich dabei arglos in die Hände eines Unterhändlers gegeben, dem er volles Vertrauen glaubte schenken zu dürfen. Allein dieser ward zum Schelm an ihm, und brachte es durch seine Betrügereien und Kniffe dahin, daß Wilberforce einen sehr beträchtlichen Teil seines Vermögens verlor. Der Verlust war so bedeutend, daß er sich entschließen mußte, sein schönes Highwood Hill aufzugeben und seine ganze bisherige Lebensweise bedeutend einzuschränken.

Zwar erboten sich seine Freunde, als sie dies vernahmen, auf der Stelle ihm seinen Verlust zu ersetzen und selbst ein »Westindier«, der ihn trotz seiner Gegnerschaft in der Sklavensache persönlich hochachtete, machte ihm dahin zielende Anerbietungen; aber Wilberforce glaubte auf diese Anerbietungen, so wohl sie ihm auch innerlich thun mochten, nicht eingehen zu dürfen, sondern vielmehr seine Lebensweise nach seinen jetzigen Vermögensverhältnissen einrichten zu müssen.

Seine innere Heiterkeit blieb übrigens dabei ganz unangetastet, ja er pries die Vorsehung dafür, daß dieser Schlag nicht eher eingetreten sei, als jetzt, wo alle seine Kinder soweit erzogen waren und größtenteils schon eine gesicherte Lebensstellung hatten.

Er beschloß, mit seiner Gattin abwechselnd, bei seinem zweiten und dritten Sohne, die ja beide schon im Amte standen, Wohnung und Aufenthalt zu nehmen, und, wenn er es auch bedauerte, seinen lieben Garten aufgeben zu müssen, sowie die Möglichkeit, werte Freunde unter seinem eigenen Dache zu beherbergen, so freute er sich doch andrerseits sehr, nun der zarten Liebeserweisungen kindlicher Anhänglichkeit und Dankbarkeit unausgesetzt genießen zu können. Als er sich von einem kleinen Unwohlsein wiedererholt hatte, sagte er: »Ich kann kaum begreifen, warum mein Leben so lange erhalten wird, es sei denn, damit ich beweisen kann, daß ein Mensch ebenso glücklich sein kann ohne als mit Vermögen.«

Das Scheiden von Highwood Hill wurde aber für Wilberforce noch durch einen harten Schlag erschwert, der ohne Zweifel die ihn am meisten erschütternde Heimsuchung seines Greisenalters war. Es starb ihm nämlich, als er sich eben von der lieblichen Stätte losgerissen hatte, welche der Ruheplatz für seine letzten Lebenstage hatte werden sollen, seine einzige noch übrige Tochter. Zwar konnte er auch von ihr mit innigem Danke gegen Gott »eine heilige, ruhige, demütige Zuversicht zu ihrem Heilande« rühmen, »mit der sie sich gleichsam auf den Arm ihres Erlösers lehnte«, aber es war doch für das Vaterherz etwas unsäglich Bitteres, noch einmal einem teuren Kinde in das frühe Grab sehen zu müssen, und in den trauten Kreis seiner Familie, worin er sich wohl fühlte, eine empfindliche Lücke gerissen zu sehen.

Wie rasch sich übrigens Wilberforce in das veränderte Leben eingewöhnte, und wie wohl es ihm dabei war, zeigt ein Brief an seinen Freund und Schwager Stephen. »Wir befinden uns«, so schreibt er aus dem Pfarrhause des einen Sohnes, »hier jetzt ungefähr 6 Wochen. Wie viel mehr Ursache habe ich, mich zu freuen, als über einen Verlust zu klagen, der einen solchen Erfolg gehabt hat! Wir sind unter das Dach unserer teueren Kinder gekommen; wir sind Zeugen, wie sie ein großes häusliches Glück genießen und gewissenhaft die Pflichten des wichtigsten Berufes erfüllen.«

Die Gebrechen des Alters stellten sich bei Wilberforce, wie er öfters mit herzlichem Danke gegen Gott erwähnte, nur langsam ein und ohne die schmerzhaften Leiden, die sich so oft damit verbinden. Es war im wesentlichen nur ein größeres Bedürfnis von Ruhe, welches sie herbeiführten und dieses Bedürfnis konnte er sich in den stillen Pfarrhäusern seiner Söhne besser befriedigen, als es in Highwood Hill möglich gewesen wäre, dessen nähere Lage bei London auch häufigere Besuche seiner Freunde wie Solcher, die Rat bei ihm suchen wollten, gebracht haben würde. Aber, wie groß auch sein Ruhebedürfnis war, er vergaß es doch gänzlich und zeigte sich noch stets als einen sehr unterhaltenden Gesellschafter, wenn ihn Freunde besuchten, ja konnte noch in wahrhaft jugendliches Feuer geraten, wenn es galt, jemand, der ihn besuchte, auf das Eine, was not ist, hinzuweisen und ihn von den Irrtümern seines Weges zu überzeugen.

Ebenso wurde er stets tief ergriffen und zu feuriger Begeisterung entflammt, wenn auf die Sklavensache die Rede kam, und wenn es sich darum handelte, die Notwendigkeit der völligen Abschaffung der Sklaverei zu beweisen.

Als ein Bild von ihm gemalt werden sollte, und der Maler, der ihn nicht als den müden, altersschwachen Greis abkonterfeien wollte, als welcher er jetzt erschien, begehrte, man möge ihm irgend eine geistige Anregung zu verschaffen suchen, da genügte es, daß jemand die Bemerkung fallen ließ, nach den neuesten Nachrichten würden die Sklaven in Westindien jetzt doch weit besser als früher behandelt. Sofort regte sich da in Wilberforce der heilige Eifer, dies aus den neuesten Nachrichten, die er selber besaß, zu bestreiten und es entspann sich eine so belebte Unterhaltung, daß der Maler von ihm ein Bild gewann, wie er es haben wollte, und wie es auch sein mußte, um ihn in voller Lebenswahrheit darzustellen.

Als im April 1833 zu Maidstone, dem Hauptorte der Grafschaft Kent, in der er sich gerade jetzt bei seinem Sohne in East Farleigh befand, eine Versammlung gehalten wurde, worin eine Adresse gegen die Sklaverei beschlossen werden sollte, ließ sich Wilberforce, obwohl er seit zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen hatte, doch nicht zurückhalten, die Versammlung zu besuchen und nicht allein als der erste die zu stande gekommene Adresse zu unterschreiben, sondern auch, obwohl nur mit schwacher Stimme für die heilige Sache zu sprechen, deren begeisterter Vorkämpfer er so lange Jahre hindurch gewesen war. Und wie freute er sich mit einer heiligen Freude, zu spüren, daß die öffentliche Meinung auf dem Punkte angekommen sei, wohin sie zu führen die letzte Anstrengung seines öffentlichen Lebens gewesen war! Denn in der ganzen großen Versammlung war niemand, der daran gezweifelt hätte, es müsse auf eine vollständige Beseitigung aller Sklaverei gedrungen werden.