Auch klagte er, wie er denn sein Leben lang sich selber nie genug gethan und sich stets für einen unnützen Knecht bekannt hatte, jetzt besonders darüber, daß er nicht mehr mit denen, die ihm nahe getreten seien, gebetet und sie nicht genug auf den rechten Weg gewiesen habe.
Stets waren seine Gedanken dem Heilande zugewandt, besonders wenn er Schmerzen hatte. In solch einer Stunde sagte er zu seinem Sohne Henry, der an sein Krankenlager geeilt war, und dem wir all die schönen Worte aus dem Munde des Sterbenden zu verdanken haben, die sich seinem Gedächtnisse unauslöschlich einprägten: »Gedenke daran, daß unser Heiland vom Himmel gekommen ist, und wenn uns ein kleiner Schmerz schon empfindlich ist, was hat Er nicht alles erduldet! Gewiß der Gedanke an die Leiden unseres Heilandes erregt Staunen und Verwunderung.«
Brachten ihm die zahlreichen Freunde, welche die Parlamentssitzung nach London zusammengeführt hatte und die es nicht versäumten, den von ihnen allen so hoch Geehrten fleißig zu besuchen, zarte Beweise ihrer Aufmerksamkeit und Teilnahme dar, so sagte er nachher wohl: »Wie ganz anders würden sie mich beurteilen und ansehen, wenn sie mich wahrhaft kennten!«
Am Freitage, den 26. Juli ließ sich der Kranke, um den herrlichen Sommertag zu genießen, auf seinem Stuhle ins Freie tragen; denn seine Schwäche ließ es ihm nicht mehr zu, auf den eigenen Füßen das Zimmer zu verlassen. Es war der Tag, an dem ein Gesetzesvorschlag wegen völliger Abschaffung der Sklaverei zum zweiten Male im Parlamente vorkam und auch zur Annahme gelangte. Als ihm die Nachricht davon überbracht und mitgeteilt wurde, daß auch die großen Geldopfer, die zur Entschädigung der Sklavenhalter für nötig erachtet wurden, kein Hindernis der Annahme des Gesetzes geworden seien, wie jubelte da der Leidende auf, der nun, was er als Jüngling gedacht, als Mann mit rastloser Ausdauer erstrebt hatte, vor seinem Ende noch mit dem sehnlich erwarteten Erfolge gekrönt sah! Mit welch inniger Dankbarkeit erhoben sich seine Blicke hinauf zu dem wolkenlosen Himmel, und falteten sich seine Hände bei dem Gebetsrufe: »O mein Gott, wie danke ich Dir, daß Du mich hast leben und ein Zeuge des Tages sein lassen, an dem sich England bereit erklärt hat, 20 Millionen Pfund für die Abschaffung der Sklaverei zu geben und sich von dieser Schande zu befreien!«
Wie ein stärkender Balsam schien diese Nachricht auf ihn zu wirken. Denn er fühlte sich am Abende dieses Tages so wohl und heiter, daß man sich schon der Hoffnung hingab; es werde doch noch möglich sein, ihn von London wegzubringen zu einem seiner Söhne, damit er im engsten Familienkreise seine Heimfahrt halte, an deren Nähe jetzt kaum mehr zu zweifeln war. Mit besonderer Inbrunst nahm er an der Abendandacht teil und freute sich der zarten Pflege und Aufmerksamkeit, die ihm alle widmeten.
»Was kann ein Mensch«, rief er aus, »zum Schlusse seines Lebens mehr wünschen, als von seiner Frau und von seinen Kindern gepflegt zu werden, welche alle in Freundlichkeit und Liebe gegen ihn wetteifern!«
Jedoch die ungewöhnliche freudige Aufregung dieses Tages blieb nicht ohne Rückschlag. Am späten Abende stellte sich bei dem Kranken eine große Schwäche ein, und der folgende Tag brachte mehrere Schlaganfälle, die sein Gedächtnis schwächten und ihm große Leiden verursachten. Die Erklärung des Arztes, daß, wenn er diese Anfälle überlebe, noch schwerere Leiden, ja eine Störung des Verstandes in Aussicht ständen, mußte nun die Seinigen es als eine Gnade von Gott erbitten lassen, daß sein Ende nicht mehr allzu ferne sein möge.
»Ich bin in einem sehr leidenden Zustande«, klagte er am Sonntage in einem Augenblicke, da er ganz hellen, lichten Geistes war.
»Ja«, antwortete man ihm, »aber Sie haben ihren Fuß auf dem Felsen.«
»Ich wage nicht«, erwiderte er, »dies so bestimmt zu behaupten, aber ich hoffe, ich habe ihn darauf.«