„Dafür ich Dich auf den ersten Blick!“ rief jener, auf dessen gefurchtem, eingefallenem Gesicht jetzt Freude und Glück strahlte; „Du hast Dich aber auch prächtig conservirt!“ fuhr er, am Tische Platz nehmend, fort, „man sieht es Dir an, daß Du nur die Lichtseiten des Lebens kennen gelernt —“
„O Freund,“ unterbrach Buchler, „auch die Schattenseiten sind mir nicht verborgen geblieben!“
„Ich weiß,“ entgegnete Professor Detmold; „Du hast Deine gute Frau in der Blüthe der Jahre verloren. Wir sprachen gar oft von ihr und meine Anna weinte wie ein Kind, als die Nachricht von ihrem Tode einlief.“
„Sie war eine seltene Frau!“ sagte Buchler, eine Thräne im Auge zerdrückend; „Jahre sind darüber hingegangen, ehe ich —“
„Das kann ich Dir nachfühlen“, unterbrach ihn der Freund; „auch ich habe, seitdem ich meine Anna verloren, keine rechten Freuden genossen.“
„Anna todt!“ sagte Buchler mit aufrichtigem Mitgefühl. „Wann hat Dich das Unglück getroffen?“
„Vor fünf Jahren!“ entgegnete Detmold, den Blick zur Erde gewendet.
„Und hast Du nie daran gedacht, Deinem Witwerstand ein Ende zu machen?“ forschte Buchler.
Der Andere sah ihn groß und fragend an. Ein stummer Vorwurf schwebte auf seinen Lippen, doch er vermochte ihm in seinem Schmerz nicht Worte zu leihen. „Wer wäre würdig genug gewesen, den Platz einzunehmen, den Anna inne gehabt!“ sagte er nach einer Pause. Beide Männer schwiegen; Buchler wollte offenbar etwas entgegnen, doch er besann sich und, auf ein anderes Thema übergehend, suchte er den Freund zu erheitern; er erzählte ihm, wie er vor einem halben Jahre sein Geschäft verkauft, wie dann die Sehnsucht nach der Heimat in ihm mächtig geworden und er beschlossen, alle Verbindungen abzubrechen und sobald als möglich westwärts zu steuern; so sei er denn vor drei Monaten von Calcutta abgereist und nach mancherlei Unterbrechungen, Aufenthalt in Italien, der Schweiz und dem Salzkammergute gestern glücklich in seinem lieben Wien angelangt.
„Und Du denkst Dich hier dauernd niederzulassen?“ forschte der Freund.