„Ich habe meinen Armen ihren Weihnachtsbaum angezündet!“ erklärte Anna, „und nun, da ich Andere beglückt, will ich mich des eigenen Glückes freuen!“ Mit herzgewinnendem Lächeln nahm sie die Glückwünsche der Versammelten entgegen — es war als ob eine Wonne-Atmosphäre das ganze Haus durchströmte.

Niemand schien glücklicher, als Ernst von Salmen; mit bewundernden Blicken hing er an der anmuthigen, jugendfrischen Erscheinung, die dem geliebten Onkel heute zugesagt hatte, ihm für’s Leben anzugehören. Endlich führte er sie, nachdem Anna mit Allen freundliche Worte ausgetauscht, unter den reich geschmückten Weihnachtsbaum.

„Such’ Dir Dein Theil, Herz!“ sagte er. Sogleich fiel ihr Blick auf ein weißes, ungefähr handgroßes Schäfchen, das mitten unter Blumen versteckt schien. — Tausend Erinnerungen durchwogten ihre Brust — durch einen Druck sprang ein Deckel auf, — welch’ ein Meer des Lichtes strahlte ihr da entgegen! Ein herrlicher Brillantschmuck, wie sie ihn schöner nie gesehen! „Mutter, schau her!“ rief sie mit freudig erregter Stimme; dann sank sie ihrem Verlobten an die Brust und schien in der Gluth der Erinnerungen, Hoffnungen und seligen Gefühle, die auf sie einstürmten, zu vergessen, daß es nach diesem Augenblick noch eine Zukunft gebe, die ihr in goldenen Farben entgegen lachte. — Zwei Weihnachtsabende waren von Bestimmung für ihr Leben geworden — beide erhellt durch die Liebe eines edlen, gemüthreichen Mannes, dem sie heute ihr Lebensgeschick einte.

Ein improvisirtes Verlobungsfest.
Humoreske.

Vor einem der belebtesten Cafés der Ringstraße sahen wir einen älteren, behäbig aussehenden Herrn seinen Mocca schlürfen, dann eifrig die Zeitungen durchstöbern, auch wohl die Passanten mustern. Auf hundert Schritt Entfernung glaubte man zu erkennen, daß er ein Ausländer sei, und doch ist Leopold Buchler ein gutes Wiener Kind, das noch in seinen alten Tagen von der Sehnsucht heimwärts getrieben wurde und die weite Reise unternommen, um seine Tage da zu beschließen, wo er sie begonnen, in seiner geliebten trauten Kaiserstadt, nach der es ihn, als er seine Geschäfte in Calcutta abgewickelt, wie mit Zauberbanden zurückzog. Da ist er nun heute nach zwanzigjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, Alles ist ihm so fremd und neu, er hat noch keinen seiner alten Bekannten aufgesucht, doch späht er eifrig aus, ob ihm nicht ein günstiger Zufall den Einen oder den Andern entgegen führen würde. Wohl ist vielleicht Mancher, mit dem er sich einst gut Freund nannte, schon an ihm vorbeispaziert, doch vermochte er ihn nicht zu erkennen; in seiner Vorstellung sind sie Alle noch „flotte Bursche“, die da jetzt mit weißen oder ganz haarlosen Köpfen, in gebückter Haltung, sorgenvoll, gedankenschwer einhergehen; zwanzig Jahre sind in unserer leichtlebigen Welt, die die Menschen schneller altern, ihnen keine Zeit zur Ruhe und Erholung läßt, ein Zeitraum, der aus lebensfrischen Menschen müde Greise macht.

Leopold Buchler erkannte Niemanden, auch nicht den jetzt sinnend vor ihm stehen bleibenden breitschultrigen Mann, der dann einige Schritte vorwärts ging, sich alsbald umwandte und ihm dann derb einen Schlag auf die Schulter versetzte.

„Grüß Dich Gott, alter Freund!“ rief jener, der jetzt seiner Sache sicher zu sein schien; „was führt Dich wieder heim in unsere liebe Vaterstadt?“

„Roderich!“ rief Buchler jetzt, beide Arme ausbreitend und den Jugendfreund herzlich umarmend; „Dich, Dich habe ich nicht erkannt!“