„Regen Sie sich nicht auf!“ unterbrach Ernst von Salmen, der jetzt mit Anna an der Hand eintrat; „Anna ist das Vermächtniß meines verstorbenen Bruders — damit ist Alles gesagt. Doch was können wir jetzt für Sie thun?“ — Helene schwieg.

„Sie kommen zu uns, Helene!“ bat die alte Dame; „mein Wagen wartet; wir packen Sie in Betten, daß kein Lüftchen Ihnen nahe kommt!“

Traurig schüttelte die junge Frau das Haupt. — „Ich würde Ihnen nur eine Last sein!“

„Gönnen Sie mir die süße Beruhigung, Sie in meiner Nähe zu haben!“ bat die alte Dame. „Wie habe ich Sie doch so lange und leider vergeblich gesucht, nachdem ich wußte, was Sie meinem Sohn gewesen.“

Da Helene fühlte, wie aufrichtig es Frau von Salmen meinte, gab sie bald ihren Bitten nach. —

Welch’ ein Weihnachtsabend! Im Salon der Räthin Salmen waren die Kronleuchter angezündet, ein herrlich geschmückter Tannenbaum prangte in der Mitte und hinein in dieses Meer des Lichtes trug man in ihren Kissen die Kranke, die daheim kaum ein ärmliches Talglicht auf ihrem Tisch hatte. — Es gibt Freudengefühle, die jeder Beschreibung spotten!


Zehn Jahre sind nach jenem glücklichen Abend vergangen. Wieder ist es Weihnachten; wieder strahlen die Kerzen und Kronen in dem hochgewölbten, prächtig geschmückten Saale. Man erwartet glänzende Gesellschaft. — Helene von Salmen trifft mit bewunderungswerther Umsicht alle Vorkehrungen, sie empfängt die herzlichsten Glückwünsche der nach und nach Erscheinenden — ein Feuer reinsten Glücks strahlt aus ihren immer noch schönen Augen.

Man feiert heute das Verlobungsfest ihrer Anna mit dem Finanzrath Ernst von Salmen! Aus dem zärtlichen Onkel ist ein feuriger Liebhaber geworden, der kein anderes Glück kennt, als die „kleine Anna“ sein zu nennen. Anna ist zu einer herrlichen Mädchenknospe erblüht, deren körperliche und geistige Schönheit Jeden bezaubert. Doch wo weilt sie? Der Saal ist schon mit Gästen gefüllt. — Man frägt nach dem Brautpaar.

Endlich öffnet sich die Thür — Ernst von Salmen führt das bezaubernd schöne Mädchen in den Salon. Wie glüht es vor Freude und Leben! „Wir haben uns zu lange aufgehalten!“ bittet er um Entschuldigung, „aber Anna konnte sich von ihren Armen nicht trennen! Das gab ein Danksagen, eine Thränenfluth, eine Freude!“