„Wollen Sie mich hören?“ fragte Ernst von Salmen im warmen Tone; „ich habe Ihnen noch die Botschaft eines Sterbenden zu überbringen und suche Sie seit sechs Jahren vergeblich allüberall!“
Die Kranke richtete sich empor: „Von ihm?“ fragte sie, indem eine brennende Röthe das zarte Gesicht überflog.
„So hören Sie!“ begann Ernst von Salmen und eine Centnerlast schien mit jedem Worte von seinem Herzen zu weichen.
„Da ich vor sechs Jahren die Reise nach Wiesbaden mit Adolf unternahm, war er elend und fast aufgegeben; er hielt sich noch für gesund und glaubte, daß sein Husten nur ein anhaltender Catarrh sei, von dem er in Wiesbaden geheilt zu werden hoffte. Als ich eines Abends von einer Reunion zu Hause kam, hörte ich zu meinem Entsetzen, daß er einen Blutsturz gehabt; — ich fand einen Sterbenden! ‚Gut, daß Du kommst!‘ rief er mit stockender Stimme; ‚ich habe — Dir — Wichtiges — mit‘ — ein abermaliger Blutstrom entquoll seinen Lippen. Als er zu sich gekommen: ‚Helene ist meine — Frau — sorge — — für sie!‘ Kaum hatte er diese Worte ausgehaucht, so war auch sein Leben entwichen! Und wie habe ich Sie gesucht — um den letzten Willen des geliebten Todten zu erfüllen! Sie waren verschwunden!“ O, weinen Sie nicht! bat er, da er sah, wie die arme Frau in ein convulsivisches Schluchzen verfiel. „Sehen Sie, es giebt eine Vorsehung, die meine Schritte durch diesen Engel“ — er zog die Kleine herzlich an sich — „zu Ihnen geleitet! Lassen Sie uns jetzt gut machen, was wir Ihnen damals wehe gethan! Wir kannten Sie nicht! Sie wissen, daß Adolf dem Willen des verstorbenen Vaters gemäß seine Cousine Alma heiraten sollte — daher unsere Weigerung! Adolf’s Liebe zu Ihnen war stärker als der Respect, den er dem Verewigten schuldete — er heiratete Sie ohne unser Wissen, wie ich nach seinem Tode aus seinen Briefschaften ersah. Meine arme Mutter machte sich die heftigsten Vorwürfe! Sie hatte den innigsten Wunsch, ihres unvergeßlichen Sohnes geliebtes Kind an ihr Herz zu drücken — Sie waren indeß mit dem Kinde verschollen!“
„Als ich die Nachricht von Adolf’s Tode erhielt,“ entgegnete Helene unter Schluchzen, „verfiel ich in ein heftiges Nervenfieber. Meine Tante Ida nahm mich zu sich, pflegte mich, und als ich genas, verblieb ich den Sommer hindurch auf ihrem Landgute. Im Herbste trat ich eine Stelle als Erzieherin an — die Tante Anna hatte meine Kleine — von der ich mich, ach, wie schwer trennte, bei sich behalten! Mit Absicht habe ich jede Nachforschung unmöglich gemacht; ich wollte nach meines Adolf Tode kein Almosen von einer Familie, die mich einst — weil ich arm war — für unwürdig gehalten, in ihren Kreis einzutreten. Mein Stolz hat sich empfindlich gerächt. Nach einem Jahr starb die gute Tante — ich mußte meine Stellung aufgeben und das Kind zu mir nehmen. Fünf Jahre habe ich mein Leben als Privatlehrerin gefristet — o Gott, welch’ ein Leben! Was nützten mir meine Kenntnisse — ich konnte sie nicht verwerthen! Kaum verdiente ich, was wir zum Essen brauchten. Seit einem Jahre bin ich krank. Alles, was mir lieb und theuer war, ist in’s Leihhaus gewandert — mit blutendem Herzen trennte ich mich von meinen Kleinodien, die mir Adolf in jenen sonnenhellen Tagen des Glücks geschenkt!“
„Genug!“ unterbrach sie Ernst von Salmen, da er sah, wie von Neuem ein Thränenstrom ihren Augen entquoll. „Ich danke Gott, daß er meine Schritte endlich zu Ihnen geleitet! Ich weiß, Sie sind keine Unwürdige — meine Mutter wird Sie und die gute Anna mit Freuden aufnehmen! Ich kann ihr keine schönere Weihnachtsfreude bereiten, als wenn ich ihr sage: Ich habe sie gefunden!“ „Können Sie mich begleiten?“ fragte er nach einer Weile. — Die Kranke schüttelte das Haupt. — „So führe ich meine Mutter noch heute zu Ihnen,“ entgegnete Ernst von Salmen, „aber das Kind, die liebe, süße Anna müssen Sie mir gleich mitgeben.“
Anna holte ihr verschossenes Wollkleidchen aus dem Schrank, die Kranke frisirte, während ihre Thränen reichlich floßen, das blonde Lockenköpfchen und begleitete sie mit ihren besten Segenswünschen, als der Onkel sie, wie er sagte, in ihre neue Heimat führte.
Kaum eine Stunde hernach kam ein gallonirter Diener mit einem großen Korbe in die ärmliche Stube. Er packte unzählige Pakete aus: Weinflaschen, Kuchen, Fleischspeisen, Kleidungsstücke — der kleine Tisch schien unter der Last zusammenzubrechen.
Bald nachdem er gegangen, trat, auf einen Stock gestützt, eine alte Dame mit silberweißen Locken in das Zimmer: „Laßt mich allein!“ bat sie die draußen Stehenden; dann wankte sie hin an das Bett der Kranken, nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte sie lange und innig: „Meine Tochter!“ rief sie endlich, „kannst Du mir verzeihen? Willst Du mir gestatten, all das Unrecht gut zu machen, das —“
„Ich bin eine Sterbende,“ unterbrach Helene; „meine Tage sind gezählt; mir kann man wenig noch helfen, aber meine Anna lege ich Ihnen an’s Herz, seien Sie ihr —“