„Seit heute Morgen, Herr!“ entgegnete das Kind verlegen.

Eiligst stieg er wieder aus und machte an einer Pfefferkuchenbude verschiedene Einkäufe. Mit einer großen Tüte beladen, kam er an den Wagen zurück. Wie hüpfte der Kleinen das Herz! Ja, es war wirklich Weihnacht; sie fühlte, daß ein Band der Liebe alle Menschen umschlang, denn auch ihr, dem armen, verlassenen Menschenkinde dachte man eine Freude zu machen.

Noch nie war sie so schnell die vier Stiegen zu ihrem Dachkämmerchen hinaufgeeilt. „Herzmütterchen!“ rief sie, die Tüte und das blanke Silberstück hoch empor haltend, „sieh, was ich Dir mitbringe. Und draußen ist ein feiner Herr, der Dich sprechen will,“ fuhr sie fort, indem sie eine bleiche, junge Frau, die auf elendem Lager ausgestreckt lag, in ihre Arme nahm und herzte und küßte.

Der Fremde war schon eingetreten und erklärte der Kranken mit kurzen Worten, wie er Anna getroffen, daß eine auffallende Aehnlichkeit mit seinem verstorbenen Bruder ihn veranlaßt, ihr sein Interesse zu schenken und er ihr dankbar sein würde, wenn sie das Kind dann und wann in sein Haus schicken wolle; seine alte Mutter könne den Verlust des geliebten Sohnes noch nicht verschmerzen und würde sicher durch den Anblick der Kleinen, die ihm so ähnle, angenehm berührt werden.

Plötzlich schwieg er; wie festgebannt hing sein Auge an einem Bild, das in elegantem Rahmen auf dem Nähtisch der Kranken stand. Lange sah er sie prüfend, sprachlos an. „Sie kannten ihn?“ rief er, plötzlich ihre magere Hand ergreifend und mit ängstlicher Miene in ihren Blicken lesend. „Er war der Freund meiner Seele!“ entgegnete sie leuchtenden Auges; „seit ich ihn verloren, weiß ich nicht mehr, daß ich lebe!“

„Und Anna?“ fragte der Fremde gespannt.

„Ist seine Tochter!“ entgegnete die Kranke; „sie ist das einzige Band, das mich noch an das Leben fesselt, sonst —“

„Regen Sie sich nicht auf!“ bat der Fremde, da er sah, wie eine kaum niederzukämpfende Rührung sich der Kranken bemächtigte; und ihr lange in die noch immer schönen, wenngleich gramdurchfurchten Züge schauend, fügte er mit bangem Seufzer hinzu: „O Gott, was müssen Sie gelitten haben!“ Dann nahm er die kleine Anna in seine Arme, drückte einen herzlichen Kuß auf das blonde Lockenköpfchen und sagte, während Thränen auf Thränen ihm über die Wangen liefen: „Gott sei gelobt! Endlich werde ich Ruhe finden!“

Die Kranke sah ihn sprachlos an. Eine fieberhafte Aufregung bemächtigte sich ihrer, je länger sie ihn anblickte; als er dann innig ihre beiden Hände ergriff und sagte: „Schwägerin, können Sie uns verzeihen!“ da sank sie mit lautem Aufschrei in ihre Kissen zurück und lag lange wie leblos da. Endlich that sie die müden Augen wieder auf: „Habe ich geträumt?“ fragte sie wirr um sich blickend; doch als sie den hohen stattlichen Mann, der jetzt seinen eleganten Zobelpelz abgelegt hatte, vor sich sah — da verfinsterte sich wieder ihre Stirne, Bild auf Bild trat vor ihre Seele und auf jedes fiel der Schatten dieses Unseligen, den sie als den Feind ihres Lebens, ihres Glückes betrachtet.

Sie gedachte ihrer Brautzeit mit Adolf von Salmen, dessen Liebe sie, die arme Lehrerstochter, so unendlich reich und glücklich gemacht hatte, dann der Weigerungen seiner Familie, sie anzuerkennen, der steten Kränkungen, die sie erfahren, — ihrer heimlich geschlossenen Ehe — des plötzlichen Todes des geliebten Mannes! — Sie begrub ihr Gesicht in beiden Händen und weinte bitterlich.