„Die Gnädige muß jeden Augenblick zurückkehren!“ entgegnete Jean.

„So nehmen wir einstweilen die Wohnung in Augenschein!“ sagte Detmold, die Treppe hinaufgehend. Kaum hatten die beiden Männer die Runde durch die mit allem Comfort eingerichteten Räume gemacht, als man unten einen Wagen vorfahren hörte.

„Unsere Frau Wirthin!“ sagte Detmold, der an’s Fenster getreten war, „willst Du mit ihr sprechen?“

Doch ehe dieser noch zu einem Entschluß kommen konnte, stand schon ein Diener vor ihnen, der die Herren bat, in den Salon der Frau Räthin hinunter zu kommen.

„Bist Du hier Hausfreund?“ neckte Buchler; „Madame ist ja sehr pressirt, Dich zu empfangen?“

„Oder richtiger, ihre Wohnung zu vermiethen! Der Portier hat ihr vermuthlich gesagt, daß ich mit einem Fremden hinaufgegangen.“

„Mein lieber, werther Professor, wie lange haben wir Sie nicht gesehen!“ erscholl es, als sie noch kaum den Salon betreten, aus dem Munde einer kleinen, runden Frau, der Detmold alsbald seinen Freund Buchler aus Calcutta mit dem Zusatze: „Millionär außer Dienst!“ vorstellte.

Die Räthin machte eine augenscheinlich tiefere Verbeugung, als sie eigentlich beabsichtigt, der „Millionär“ schien ihr gewaltig zu imponiren. Mit überaus gewinnender Liebenswürdigkeit lud sie ihn ein, neben sich auf dem Divan Platz zu nehmen und hatte gar bald mit der klugen Frauen eigenen Unterhaltungsgabe erkundet, was sie wissen wollte. Buchler war enorm reich, fünfundvierzig Jahre, wollte sich hier niederlassen, eine Wohnung mit allem Comfort einrichten, das Leben genießen! Er war noch ein hübscher, ansehnlicher Mann, mit dem selbst ein achtzehnjähriges Mädchen, so meinte sie, hätte glücklich sein können. Gar schnell war in dem Köpfchen der klugen Frau ein Plan gereift; ihre Camilla war 24 Jahre alt, aus der Verbindung mit dem mittel- und stellunglosen Doctor Richard könnte nichts werden, der Millionär, den ihr der Zufall in’s Haus geschneit hatte, mußte mit allen Mitteln der Coquetterie und Liebenswürdigkeit derart gefesselt werden, daß er, mochte er Heiratspläne haben, oder nicht, um Camilla werben mußte.

Dem arglosen Buchler sagte die sympathische unterhaltende Dame sehr zu; er fragte kaum nach dem Preis der Wohnung und erklärte, daß, obgleich er gern noch ein Fremdenzimmer eingerichtet hätte, er doch der angenehmen Geselligkeit wegen, die ihm Madame in Aussicht gestellt, auf eine größere Wohnung verzichten und diese miethen werde. Die Räthin war überselig; das war ihr in ihrer jahrelangen Praxis als Hausherrin noch nicht vorgekommen, ein Miether, der nicht einmal nach dem Preise fragte!

„Er muß ein Nabob sein!“ sagte sie, nachdem die Herren gegangen, zu ihren Töchtern, die im Nebenzimmer die Unterhaltung mit angehört hatten, „wir können uns Professor Detmold zu aufrichtigstem Danke verpflichtet halten, daß er uns diese Bekanntschaft vermittelt.“ „Beste Mama,“ entgegnete Camilla, ein hübsches blondlockiges Mädchen, dem Freude und Lebenslust aus den Augen schauten, „wenn Du doch nur den alten, langweiligen Professor —“