„Das ist ja eben Dein strafbarer Leichtsinn, daß Du es nicht thust! Ein Mädchen in Deinen Jahren, ohne Vermögen, ohne Versorgung, hat die Pflicht —“
„Aber Pardon, beste Mama, sich doch nicht etwa einem alten, abgelebten Manne als Krankenpflegerin zu opfern?“
„Du kannst mich mit Deinen albernen Ansichten bis zur Verzweiflung bringen!“ entgegnete die Räthin mit dem Fuße stampfend; man sah jetzt, wie die noch eben im Verkehr mit den beiden Herren so äußerst einnehmende Frau bitterbös sein konnte, so daß sich ihre Züge bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Schmollend verließ sie das Zimmer. Kaum war die Thür hinter ihr in’s Schloß gefallen, als Camilla ein Bild aus ihrem Notizbuch hervor nahm, und es, indem ihre Augen sich mit Thränen füllten, herzlich küßte. „Mein Adalmar, Dein auf ewig!“ flüsterte sie, „und wenn zehn indische Nabobs mir ihre Schätze zu Füßen legen wollten!“
II.
Leopold Buchler hatte seine herrlich eingerichtete Wohnung im ersten Stock bezogen; die Räthin war ihm in besonderer Liebenswürdigkeit bei der Beschaffung der Einrichtung hilfreich gewesen, sie hatte Tapezierer und Decorateure bei ihren Arbeiten überwacht, eine Haushälterin engagirt, Dienstboten aufgenommen — Buchler wußte in der That nicht, wie er der ihm vollständig fremden Dame ihre Freundlichkeit danken sollte. Madame war klug genug, bis jetzt nichts von ihren Töchtern hören zu lassen, Camilla hielt sich, so oft der „Nabob“, anders titulirte sie ihn nicht, bei ihnen vorsprach, consequent verborgen. Doch nun gab es zur Einweihung der neuen Wohnung ein Fest, bei dem selbstverständlich die Räthin die Honneurs machte und „sammt Familie“ eingeladen war. Buchler war in der That überrascht, die noch jugendliche Frau mit drei jungen Damen erscheinen zu sehen, die für ihre Schwestern hätten gelten können. In chevaleresker Weise machte er den jungen Damen, aber nicht minder der Mutter Complimente, und fast stieg schon in der noch immer feschen, lebenslustigen Frau die Idee auf: „Wie, wenn er Dich meint?“ Sie war vierundvierzig Jahre, konnte aber noch gut für sechsunddreißig gelten; einst eine berühmte Schönheit, waren ihre Züge immer noch angenehm, ihre Figur litt zwar durch die zunehmende Körperfülle, doch verstand sie so prächtig Toilette zu machen, daß Jedermann noch die schöne Räthin Sturm von ehemals sah.
Nur einen Augenblick konnte sie jenem Gedanken nachhängen, das Muttergefühl war stärker als der Wunsch für ihr persönliches Glück. Camilla glänzend verheiratet zu sehen, war ihr Hauptziel. Geschickt wußte sie Buchler in eine Unterhaltung mit Camilla zu verflechten und schien sichtlich erfreut, die Tochter so gesprächig und liebenswürdig zu finden, wie sie sie lange nicht gesehen.
Auch Camilla hatte ihren Plan; war die Mutter berechnend, so glaubte die Tochter noch berechnender sein zu sollen. Ja, sie wollte sich die Gunst des reichen Buchler, dessen Neffe, wie sie wußte, Professor Wenzel in Prag war, gewinnen. Wenn dieser ihrem angebeteten Adalmar zu einer Stellung an der Prager Universität verhalf, konnte selbst die ehrgeizige Mutter, die durchaus für sie eine „glänzende Partie“ anstrebte, nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden haben.
Diesem Plane gemäß war Camilla von ausnehmender Freundlichkeit gegen Buchler, sie wußte ihm mit schalkhaftem Ernst dies und jenes pikante Histörchen zu erzählen, dann wieder ihn selbst zum Reden zu veranlassen, und da sie gar bald gewahrte, daß er mit Vorliebe von seinen fernen Besitzungen, seinem früheren Geschäft, der Seereise etc. sprach, war sie bald die aufmerksamste Zuhörerin, der zuliebe er die ganze, ihn umgebende Gesellschaft zu vergessen schien.
Die Räthin strahlte vor Wonne und Glück; nie hatte sie geglaubt, daß Camilla denn doch noch Raison annehmen und auf ihre Pläne eingehen werde. Man setzte sich zur Tafel; Buchler, der ursprünglich beabsichtigt hatte, die Räthin zu Tisch zu führen, fühlte sich derart von dem Reiz, den das junge Mädchen auf ihn ausübte, bestrickt, daß er an ihrer Seite blieb und auch, nachdem die Tafel aufgehoben war, stetig um sie bemüht blieb. Bald holte er Noten herbei, um sie zum Singen zu veranlassen, bald Kupferstich-Sammlungen, die sie, wie er meinte, interessiren müßten. Im Grunde interessirte sie nur, daß sie im Laufe der mehrstündigen Unterhaltung herausgebracht, Professor Wenzel sei ein sehr zugänglicher, liebenswürdiger Mann, dessen Besuch er, sobald die Hörsäle geschlossen, erwarte. Sie selbst nahm Buchler, als man sich trennte, das Versprechen ab, recht oft ihr Gast sein zu wollen, und um in ihrem bon-homme nicht etwa Hoffnungen zu nähren, die sie nicht zu erfüllen gewillt war, theilte sie ihm ganz im Vertrauen und unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses mit, daß sie ihn mit einem hochbegabten jungen Manne, einem enthusiastischen Verehrer seines Neffen bekannt machen wolle, der, so sehr er ihr gefalle, das Unglück habe, der Mama zu mißfallen, da er stellenlos sei.
Buchler schien sich sichtlich durch das ihm geschenkte Vertrauen geehrt zu fühlen und gestand sich gar bald, daß er lange kein Mädchen gesehen, das bei eminentem Geist und gediegener Unterhaltungsgabe so viel Wahrheit und Natürlichkeit besäße.