Als er wenige Tage hernach in der Wohnung der Räthin einen Besuch machte, fand er Dr. Adalmar Richard anwesend, der ihm, zum nicht geringen Erstaunen der Räthin, mit herzgewinnender Freundlichkeit entgegen kam. „Ahnt Adalmar in ihm keinen Nebenbuhler?“ fragte sie sich. Thut der doch sonst, wenn er irgendwo einen Rivalen wittert, als wollte er ihn vergiften.
Buchler seinerseits betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen den schönen jungen Mann, dessen edle hohe Gestalt, dessen geistfunkelndes Auge Jedem imponiren mußten. Mit Freuden nahm er Dr. Richard’s Vorschlag, ihn auf seinen Ausflügen in der Umgegend zu begleiten, an, lud auch die Räthin und Camilla zu denselben ein, da, wie er ziemlich unbeholfen sagte, „die Equipage ja nun doch einmal täglich gemiethet sei“.
Einem Andern würde die Räthin eine derartige taktlose Einladung nie verziehen haben, doch in diesem speciellen Falle schien die sonst in Etiquettefragen ungemein subtile Dame keine Verletzung des guten Tones zu finden; war ihr auch die Gesellschaft Adalmar’s ziemlich lästig, so hoffte sie doch, diesen bald in geschickter Weise beseitigen zu können, und dann galt ja auch die Gelegenheit, täglich des Nabob elegante Equipage zur Verfügung zu haben, sich an seiner Seite zeigen zu können, nicht wenig.
Die gute Frau legte sich gar manche Strapaze auf, sie war auf Promenaden, Landpartien, in Theatern und Concerten stets die vorsorglichste Garde-Dame und stellte es, wenn gute Freundinnen auf ein intimes Verhältniß hindeuteten, kaum in Abrede, daß Mr. Buchler ihr ein erwünschter Schwiegersohn sei.
Dr. Richard war einige Wochen hernach, wie es hieß, nach seiner Heimat abgereist, in Wirklichkeit aber nach Prag, wo er sich auf Anrathen und Empfehlung Buchler’s an Professor Wenzel wenden sollte, um dessen Protection zu gewinnen. Täglich sandte er Briefe an Camilla, doch da die Räthin energisch gegen einen Briefwechsel protestirt hatte, machte der gutmüthige Buchler den Mittler und erntete für jedes Briefchen, das er Camilla heimlich zusteckte, tausend Dank. Diese Heimlichkeiten entgingen dem sorglichen Auge der Räthin nicht, doch lag ihr Alles ferner, als sie zu stören; sie war sogar unvorsichtig genug, ihrer Busenfreundin mitzutheilen, daß Buchler sterbensverliebt sei und Camilla täglich Correspondenzen sende, so liebeglühend, so feurig, daß sie sicher seiner Erklärung entgegensehen könne.
Buchler sprach jetzt auch öfter von einem Feste, das er demnächst zu geben beabsichtige, von lieben Verwandten, die zu demselben eintreffen sollten. Niemand fragte, wer diese Verwandten wären, Professor Detmold, der täglich im Hause verkehrte, hatte wohl gelegentlich von einer Nichte gesprochen, die bei Innsbruck auf einem Gute lebe, — vermuthete man, daß diese oder eine andere Verwandte kommen werde? Da man den zu erwartenden Besuch nicht kannte, interessirte man sich nicht für ihn. Gerne ließ sich die Räthin vom Professor Detmold von Buchler’s verstorbener Gattin unterhalten. Er schilderte sie als eine eminent schöne, geistbegabte Frau, der Buchler von ganzer Seele zugethan war. „Sonderbar,“ sagte die Räthin, „daß Buchler nie an eine Wiederverheiratung gedacht hat!“
„Das wundert mich durchaus nicht!“ entgegnete der Professor; „wer einmal wahr und rein geliebt hat, bleibt dieser Liebe getreu!“
Die Räthin lächelte im Stillen; sie glaubte in Buchler’s Herzensangelegenheiten besser unterrichtet zu sein.
Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß gleich bei Beginn ihres Gespräches die Portiere leicht gehoben worden, doch eben so schnell wieder fiel. Buchler, der gerade seinen Namen nennen hörte, war zurückgetreten. „Der gute Professor wird es Dir nicht verzeihen können,“ dachte er, „wenn er denn doch über kurz oder lang die große Neuigkeit erfahren muß.“ Leise ging er wieder hinaus und traf im Vorzimmer Camilla, der er ein eben erhaltenes Briefchen zusteckte. Sie dankte ihm herzlich und verschwand sogleich im anstoßenden Gemach. Die Räthin hatte die Thür gehen hören, ja, sie glaubte sogar Buchler’s Tritt erkannt zu haben. Eilig war sie hinausgegangen und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, wie Camilla einen Brief freudestrahlend aus Buchler’s Hand in Empfang nahm.
Wiederum lächelte sie und dachte still für sich: „Was doch so ein Professor ungeachtet seiner Gelehrsamkeit stockdumm ist!“ Buchler eilte die Stiegen hinauf; die Haushälterin erwartete ihn schon an der Thür, um ihn zu fragen, ob er heute zum Frühstück Rinderfilet oder Kalbsbraten, Roth- oder Weißwein, Compot oder Salat wünsche.