Eilig durchschritt Buchler mehrere Räume und war endlich am Zimmer der Haushälterin, deren Schluchzen er schon von fern hörte, angelangt.
„Sagen Sie mir, Sie selbst,“ bat sie mit geschlungenen Händen seine Gattin, „ob es denn wahr ist, wahr sein kann, daß Sie — Sie seine Nichte — nun mit einem Male seine Gattin sein sollen?“
„Und was kann Sie denn dabei, meine liebe Frau Lorenz, in eine solche Aufregung versetzen?“
„Ach mein Gott, mein Gott!“ rief die arme Frau, „unser Einer hat doch auch ein Herz, und der gnädige Herr war stets so gut mit mir, und dann sprach er von einem Verlobungsfest, ich solle mich nur recht schön machen, damit er Ehre einlegen könne, er wolle mich zuvor schon all seinen Verwandten vorstellen, und dann kamen Sie, gnädige Frau, und er sagte: Siehst Du, liebe Nichte, das ist meine liebe Lorenz, die so brav für mich gesorgt hat, daß —“ Thränen erstickten ihre Stimme.
„Nun ja, meine liebe Lorenz,“ sagte der Hausherr jetzt hervortretend, „haben Sie bisher brav für mich gesorgt, so will ich auch ferner brav für Sie sorgen; daß indeß Ihr liebebedürftiges Herz meiner Frau Concurrenz machen wollte, geht doch nicht! Wenn Sie mir sagen wollen, auf wen Ihre schönen, schwarzen Augen sonst einen Eindruck gemacht —“
„Jetzt führen Sie nun schon wieder so gottlose Reden!“ unterbrach ihn unwillig Frau Lorenz; „da haben Sie mir so lange von meinen schönen, schwarzen Augen gesprochen, bis ich dumm genug war, daran zu glauben, daß, daß —“ sie schluchzte wiederum so heftig, daß Frau Anna jetzt ihrem Gatten ernstliche Vorwürfe machte, ein, wie sie in gut angenommenem Ernst sagte, so frevles Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Frauenherzens getrieben zu haben.
Frau Anna schien sich prächtig auf das Gardinenpredigen zu verstehen, so prächtig, daß selbst der grollenden Schönen, die Alles für baare Münze nahm, es nun genug des grausamen Ernstes schien und sie selbst der von sittlicher Entrüstung erfüllten Gattin in’s Wort fiel und um Schonung für Denjenigen bat, dem sie ungeachtet der bitteren Enttäuschung doch nicht ernstlich gram sein konnte.
Die beiden Gatten kehrten, nachdem die Lorenz sich endlich in ihr Unglück zu finden schien, in den Salon zurück wo man eben im Begriffe war, zu Tisch zu gehen.
Das glückliche Brautpaar saß obenan, die Räthin nahm ihm zur rechten, das Buchler’sche Ehepaar zur linken Seite Platz. Professor Detmold war verschwunden. Man toastirte, aß, trank und war in heiterster Stimmung. Professor Richard war die Hauptperson des Abends; man beglückwünschte ihn nicht nur zu der schönen Braut, die ihm ja, wie Alle nun trotz aller gegentheiligen Annahmen sehr wohl wußten, längst verlobt war, mehr noch zu der so schnell erlangten Professur, die seine Zukunft zu einer so glänzenden gestaltete. Die Frau Professorin in spe leuchtete vor Wonne und Seligkeit, und als die Champagnerkorke knallten und Alles in Lust und heiterer Laune aufjubelte, umarmte sie die auf ihr dereinstiges Familienglück toastirende Mrs. Buchler, und als deren Gatte nun auch sein Theil begehrte, sich als den eigentlichen Anstifter des heutigen Festes gerirend, da hatte auch er einen herzlichen Kuß weg, ehe er recht wußte, wie ihm geschah.
Dem so sonderbar improvisirten Verlobungsfeste folgte einige Monate hernach ein von der Räthin ganz nach strengstem Hofceremoniell inscenirtes Hochzeitsfest.