Aufregende Vermuthungen durchzuckten mein Hirn; wie kommt Berg hierher? fragte ich mich; hat er wieder eine verunglückte Speculation, einen Kampf mit der Regierung? Doch schon war ich vor dem Hotel angelangt.
„Sie werden erwartet, eilen Sie!“ sagte mir am Eingang Professor Sonn; „ich komme soeben von Ihrem Freunde, er ist hoffnungslos.“
Ich flog die Treppe hinan, schon hatte der Diener die Thür geöffnet; ein halblautes, unterdrücktes Stöhnen drang an mein Ohr. Ich schlug die Portieren zum Seitenzimmer zurück und blickte in das matte, halb gebrochene Auge des einst so lebensfreudigen, thatendürstenden Mannes.
Wohl mit einer gewaltigen Schmerzensregung kämpfend, hatte er mich nicht erblickt; ich stand vernichtet; ich hörte mein Herz klopfen und hatte nicht den Muth, eine Frage an den Kranken zu richten, fürchtend, er könne am Ton meiner Stimme meine Gemüthsaufregung und seine Hoffnungslosigkeit erkennen.
Jetzt erhob er den Blick. „Bist Du’s endlich!“ sagte er, mir die matte Hand entgegenstreckend, „o wie freue ich mich, Dich noch einmal zu sehen; seit heute Mittag sende ich schon Boten aus, die Dich weder im Geschäft, noch an der Table d’hôte, noch —“
Er konnte nicht vollenden; angstvoll griff er nach der Herzgegend, als ob da ein Krampf wüthe, der ihn zu ersticken drohte. — Er rang nach Luft; die Hände auf die Brust pressend, röchelte er mit gewaltiger Kraftanstrengung; es sollten Worte sein, doch verstand ich sie nicht zu deuten. „Dort! Nimm!“ brachte er endlich mühsam heraus, mit dem Finger auf ein aufgeschlagenes Buch deutend. Der Krampf schien sich zu legen, er sank ohnmächtig in die Kissen. „Lies!“ hauchte er mit matter Stimme, nachdem er eine Weile geruht. Ich durchblätterte das Buch, es war von seiner Hand geschrieben. „Meine Schicksale!“ begann er mit sichtbarer Anstrengung. „Ich gehe als ein Nichts aus der Welt und weiß doch, daß ich dieser Welt eine übermenschliche Thatkraft geweiht habe. Ich habe Gutes gewollt,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „meine Mittel waren edel; ich hatte die Anerkennung von Fürst und Volk — —“
Ein wiederholter Krampfanfall, dann, nach einigen Minuten qualvollen Ringens ein heftiger Blutsturz — Berg lag als Leiche in meinen Armen.
Ich war versteinert; den Kopf des todten Freundes in meinen Händen haltend, saß ich regungslos da; ich fühlte nichts, ich dachte nichts, eine gänzliche Starrheit lähmte mir die Glieder.
„Mein Theodor!“ rang es sich endlich schmerzerfüllt aus meiner Brust empor; ich drückte einen langen Kuß auf die eisig kalte Stirn und weinte bitterlich.
Die Thräne hat eine erlösende Kraft; so selten sie im Auge des Mannes ist, so schwer muß das Schicksal sein, das sie aus ihrem finstern Verließ an’s Licht ruft. Je mehr der Thränen mir in den nun schon silbergrauen Bart rannen, desto mehr Bilder und Erinnerungen, die sich an das Leben des Entschlafenen knüpften, tauchten vor meinem geistigen Auge auf.