Wir hatten die Schulzeit gemeinsam zurückgelegt, hatten als Studenten gezecht und gepaukt, uns gemeinsam in unserer Sturm- und Drangperiode die weitesten Ziele gesteckt und sie zu erreichen geglaubt, im Mannesalter redlich gerungen um die höchsten Güter der Menschheit, um Familienglück und Völkerwohl, und nun —

Wieder überlief es mich eiskalt. Ich legte das Haupt des müden Kämpfers zurück in die Kissen, säuberte meine Kleider und griff nach dem Vermächtniß des Jugendfreundes. Er schrieb:

Mein Karl!

Ich habe heute nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft das Gefängniß verlassen; der Arzt erklärt mir, daß ich mich rüsten möge, in die große Armee einzutreten; vielleicht gibt mir der Herr der Heerschaaren, ehe er mich als treuen Recruten mit obligatem Eide verpflichtet, noch Zeit und Kraft, Einiges zu erzählen, das Klarheit und Wahrheit in ein viel angefeindetes, oft absichtlich verkanntes, oft schnöde beurtheiltes Leben bringen wird. Ich fühle mich zwar unendlich schwach; der Mangel jeden Comforts, die ungesunde Luft im Gefängnißraum, schlechte Kost haben den ohnehin verwöhnten und kranken, der besten Pflege bedürftigen Körper zum Siechthum gebracht.

Was liegt daran? — Ich hatte meine Mission erfüllt, oder zu erfüllen geglaubt; nicht Eigennutz, Du weißt es, war die Triebfeder meines Handelns. Millionen flossen durch meine Hände, für mich blieb nur, was ich als anständiger Privatmann nöthig hatte. Fürsten und Herzoge verkehrten bei mir, ich blieb wer ich war, der einfache Industrielle, der als solcher stolz auf seine Verdienste war und Adelsdiplom und Orden von sich wies.

Als Du vor zwei Jahren in B. mein Gast warst, stand ich im Zenith meiner Thätigkeit. Von da ging es rasend bergab; ich verlor, was ich mühsam erworben, Geld läßt sich zwar verschmerzen, es kommt auch wieder, aber, was mich tiefer drückte, meine redlichen, nur auf das Gemeinwohl gerichteten Bestrebungen wurden verdächtigt; wo ich, um wohlzuthun, Geld mit vollen Händen ausstreute, da hieß es: eitele Prahlerei. Ich konnte nun einmal nicht einsehen, daß Tausende darben sollten, damit Einer genieße. Du weißt, ich ließ damals, als der Prinz X. sich bei mir ansagte und in Folge dessen schon Einladungen an die haute finance und Adelsgesellschaft ergangen waren, plötzlich unter dem Vorwande, meine Frau sei erkrankt, absagen; man hatte mir die Berechnung des Festes auf dreitausend Thaler gemacht; diese Ausgabe, angesichts der allgemeinen Arbeitslosigkeit und grimmigen Kälte, die Tausende armer Menschen vor Frost umkommen ließ, schien mir zu groß für die Freuden einer Ballnacht. Ich legte eine gleiche Summe dazu und gab Auftrag Holz an die Armen der Residenz vertheilen; die mir entstehenden kleinen häuslichen Zwistigkeiten meiner Frau, die sich auf den glänzenden Ball piquirt hatte, ließen mich diesmal kalt; mir war es im Herzen so herrlich warm, dachte ich daran, wie die Eisblumen an den Fenstern der Armen vor der belebenden Gluth des Ofens schwanden, die steifen Glieder sich wieder bewegen lernten, und Tausende, ohne zu wissen, wer ihnen wohlgethan, des Wohlthäters dankend gedachten.

Ja, Karl, dieser leidige Idealismus trieb mich mancher „Thorheit“, wie es die Leute nennen, in die Arme. Warum hat auch der Mensch ein Herz, das Theil nimmt an den Leiden und Freuden seiner Mitmenschen? — Und doch könnte ich heute von Neuem mein Leben beginnen, ich würde von Neuem so anfangen. Es gibt Irrungen, die so süß sind, daß man viel Bitteres in den Kauf nehmen und doch sagen kann: „Das Leben ist werth, gelebt zu werden!“

Zwei unheilvolle Jahre trennen uns. Höre also! Ich hatte damals den Adel refüsirt; Du weißt, ich verachte Alles, was äußerlich ist. Innerlich fühlte ich mich jedem Adeligen mindestens vollkommen ebenbürtig, wozu der Tand also? Das konnte man mir bei Hofe nicht verzeihen. Der Kronprinz hatte mir zuvor seinen Besuch anzeigen lassen, angeblich wollte er meine Gemäldegalerie in Augenschein nehmen, er kam hernach nicht; meine finanziellen Unternehmungen wurden in den der Regierung ergebenen Blättern einer strengen Kritik unterzogen; man konnte mich nicht direct angreifen, doch man unterminirte das feindliche Terrain. Meine Freunde, o ja, ich hatte deren, machten mich aufmerksam, jener bedeutsamen Großmacht, „öffentliche Meinung“ genannt, mehr Beachtung zu schenken. Ich, im Vollgefühle dessen, was ich zur Hebung des Volkswohls gethan, zuckte verächtlich die Achseln. Hätte ich, durch den Tausende und abermals Tausende an allen Grenzen des Vaterlandes Arbeit und Fortkommen gefunden, erst um die Gunst Einzelner buhlen sollen, damit ich richtig beurtheilt würde? Ich verachtete das elende Zeitungsgeschwätz, ignorirte die Weitschweifigkeit, mit der einzelne Volksredner, die nach Popularität rangen, meine Unternehmungen mit der Leuchte ihres beschränkten Unterthanenverstandes kritisirten. Doch so sehr ich mich selbst überzeugt hielt, nur das Rechte und Gute zu wollen, es kam bald eine Zeit, da ich selbst meine Nächsten nicht davon überzeugen konnte. Meine Gattin zeigte sich, je mehr die Wogen der allgemeinen Unbill mich umdrängten, um so kälter und gefühlloser; sie hielt mich heute für einen waghalsigen Speculanten, morgen für einen hirnlosen Phantasten, kurz, wenngleich ich ein verständnißvolles Eingehen auf meine Intentionen nie bei ihr gekannt habe, so hätte ich doch gern nach des Tages Arbeit und Anfeindungen ein herzliches Entgegenkommen von ihr gewünscht; sie war kalt und rücksichtslos. Ich war der arme, reiche Mann, der Tausenden ein Heim bereiten konnte und selbst keines besaß. Ella konnte mir nicht verzeihen, daß ich die Gunst des Hofes verscherzt; als künftige Freifrau hätte sie sich vielbeneidet gesehen! Ihrer Phantasie war alles Bürgerliche bereits entfremdet; das Tafelservice, die Livreen für die Dienerschaft, Alles war schon mit Kronen und Wappen bestellt worden, und da begeht der „tölpelhafte Bourgeois“ die Lächerlichkeit, die Auszeichnung von sich zu weisen! Es war auch zu tölpelhaft!

Eines Morgens warte ich vergeblich, Madame beim Kaffee erscheinen zu sehen; ich habe schon diverse Zeitungen durchblättert, hier und dort das Damoklesschwert über meinen waghalsigen Unternehmungen hängen sehen — man hatte in Volksversammlungen gewarnt, sich an Emissionen, die meinen Namen tragen, zu betheiligen — doch das Alles sollte mir meinen Morgenimbiß nicht stören; ich gehe, um nicht länger zu warten, in Madames Boudoir, sie zu bitten, den Kaffee mit mir zu nehmen, da finde ich statt ihrer ein Billet und die Zofe sagt mir, die gnädige Frau sei diesen Morgen 7 Uhr verreist. Ich öffne das Billet.

„Mein Herr! Sie können nicht verlangen, nachdem ich nun jahrelang ihr abenteuerliches Leben getheilt, daß ich demselben ferner meine Jugend und Lebensfreude opfere. Ich lebe um zu genießen, zu glänzen; Ihre philisterhaften Marotten müssen Sie in’s Unglück stürzen; ich mag es nicht theilen. Baron L. bietet mir Herz und Hand; willigen Sie in die Scheidung, ich bitte Sie darum; mein Platz ist nicht an Ihrer Seite. Ich habe kein Verständniß für Ihre Bestrebungen. Sie nicht für die meinigen. Lassen Sie uns gute Freunde bleiben!