Ella.“
Das war mehr, als ich erwarten konnte. Ella war damals, als ich sie im Hause des Dr. Werther, der sie zur Bühne vorbereiten sollte, kennen lernte, ein armes, adeliges Fräulein; wohl hatte ich sie dem Hang zur Bühne abspenstig gemacht, die komödienhaften Anwandlungen ließen sich jedoch nicht betäuben. Ihre Schönheit, ihre Liebenswürdigkeit fesselten mich; sie hatte eine gute Komödie mit mir gespielt, denn kaum war sie meine Gattin, so war ich nur noch gut genug, Schenkungen auf ihren Namen eintragen zu lassen. Daß ich Rechte auf ihre Treue, ihre Hingebung habe, erschien ihr lächerlich; bei so gewagten Unternehmungen, wie ich sie führe, wiederholte sie mir oft, sei es meine Pflicht, ihre Zukunft sicher zu stellen. Das that ich in der besten Absicht. Am Tage, als sie mich verließ, hatte sie wohl ein Vermögen von sechzigtausend Thalern.
Ich stand wie vernichtet. Eine so raffinirte Betrügerin jahrelang an meiner Seite geduldet, ihr meinen Namen gegeben zu haben, das empörte mich. Meinem Herzen war Ella nie das, was ich erwartet. Sie war arm und hilflos, als ich mich ihrer annahm; ich glaubte ihre Seele zu mir empor zu ziehen, sie der meinigen zu vermälen. Nach all der Last der Tagesgeschäfte sehnte ich mich nach einem hingebenden, treuen Weibe, ich fand eine gefallsüchtige, von Anbetern umgebene Coquette. Doch das wird Dir damals schon nicht entgangen sein. Was aber angesichts dieses Briefes thun? Auf keinen Fall einwilligen! tönte es in mir.
Ich antwortete: „Madame! Sie halten mich für einen einfältigen Narren. Sie irren! Ich fordere Sie auf, unverzüglich zurückzukehren; meine Achtung haben Sie verscherzt, ein öffentlicher Scandal würde Sie entehren.“ Ich sandte diesen Brief in die Wohnung des Baron L.
Madame kam nicht; statt ihrer ein Brief mit Drohungen niedrigster Art. Wolle ich ihr nicht die Freiheit geben, so werde sie Enthüllungen an maßgebender Stelle machen, die mich vernichten müßten; die Documente seien in ihren Händen.
Ich hatte in der That in letzter Zeit bemerkt, daß sie unter meinen Privatpapieren herumgestöbert; ich wußte auch, daß ein Brief des Herzogs U., in dem er mir seine Betheiligung an der neuen Eisenbahnstrecke nach W. zusagt, falls ich seinen Namen mit zwanzigtausend Thalern kaufen wolle, abhanden gekommen sei. Hatte sie ihn? fragte ich mich. Und wenn selbst! Was konnte jener Brief beweisen? Weder daß ich ein ähnliches Anerbieten gefordert habe, noch darauf eingegangen sei. Es war nichts Neues, daß man Namen hoher Persönlichkeiten an die Spitze neuer Unternehmungen stellte, um diese dadurch besser zu accreditiren. Meine Unternehmungen waren durchwegs gesund und auf streng rechtlicher Basis erbaut; ich hatte derartige Kunstgriffe nicht nöthig, konnte also der Verdächtigung ruhig in’s Auge sehen. Doch wie schmerzte es mich, daß diese Verdächtigung gerade von meinem Weibe ausging! Wer hoch steht, ist allen Blicken ausgesetzt, hat Neider und Feinde; das sollte ich jetzt Schlag auf Schlag erfahren. Die mise-en-scène war gut ausgedacht. Sie verschmähe es, den schwindelhaft erworbenen Reichthum des Parvenüs zu theilen, die Ehre ihres unbefleckten Stammbaumes auf’s Spiel zu setzen, dann die einem befreundeten Anwalt, der gleicherzeit Parlamentsmitglied ist, geschickt in die Hände gespielten Verdachtsmotive von unlauteren Speculationen, dazu die Gährung in der öffentlichen Meinung, die bei jedem Geschäftsabschluß gleich eine Gründung auf trügerischem Untergrunde wähnte, kurz — was ich noch vor einem Monat für unmöglich gehalten, geschah. — Das Vertrauen zu meinen Unternehmungen war erschüttert; hier Verdächtigung, dort öffentlicher Angriff, ja, jener Freund Ella’s wagte selbst im Parlamente einen beziehentlich sehr deutlichen Speech loszulassen — ich fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen wankte. Mehrere Zeichnungen wurden gleich an der Börse zurückgezogen, unsere Eisenbahnpapiere sanken von Tag zu Tag, da — pour comble de malheur, kam von Wien her jene Unglückskatastrophe, die das öffentliche Vertrauen vollständig lahm legte — der Krach. Vierzehn Selbstmörder in Einer Woche dort an der schönen blauen Donau! Sie Alle fuhren einst auf Gummirädern, hatten ihre Logen in der Oper, hatten die Elite-Bälle besucht und — nun? Was hielt mich noch am Leben, nachdem ich Häuslichkeit, Vertrauen, Glück und Frieden verloren? Das Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, mich nicht mit jenen Glücksrittern in eine Kategorie stellen zu dürfen, die feige untersanken, als die Wogen über ihren Köpfen zusammenstürzten. Durch Sturm und Brandung wollte ich mir einen Weg bahnen und zeigen, daß meine Unternehmungen lebenskräftig seien und sich behaupten müssen. Das Geld der Armen, der Schweiß des Bürgers, schrie man, klebe an jenen Gründungen, der Fluch der Mit- und Nachwelt werde sie begleiten.
Weißt Du, was schlaflose Nächte sind? Ich lernte ihre Qualen damals kennen. — Den Kopf voll großartiger Pläne, die Hunderte beglücken mußten, sah ich meine Thätigkeit lahm gelegt, das Begonnene in Schutt sinken. Wenn dann mein Hirn die dünne Schale zu zersprengen drohte, griff ich voll unsäglichen Wehes nach dem Herzen; o Du weißt es, Karl; ich hätte einst die ganze Welt mit meinen Plänen beglücken mögen, mein Herz fühlte den Pulsschlag der Menschheit und wollte sich ihm einen; heute glich es einem ausgebrannten Krater. Und doch wußte ich, daß ich noch leben müsse; Tausende hatten ihr Hab und Gut in meinen Gründungen angelegt, für sie hatte ich als Anwalt aufzutreten und meine ganze Kraft einzusetzen, trotz der gesunkenen Course das Ansehen und die Achtung vor meinen Unternehmungen herzustellen. Ja, das hieß gegen den Strom schwimmen!
Drüben, im Lager meiner Feinde, stand jenes Weib, das, da sie meine Unnachgiebigkeit erkannt, nun Pfeil auf Pfeil gegen mich abschoß. Mein Comptoirchef war mit dem Tage, da sie mein Haus verließ, aus dem Geschäfte entlassen; ich wußte, daß er ihr wichtige Papiere überliefert hatte; auch er war nur ein williges Werkzeug in den Händen Derer, die auf meinen Ruin lossteuerten.
O, was ist Dankbarkeit, Pflichtgefühl! Leonhard kam vor Jahren zu mir elend, dürftig; er war seit Monaten ohne Stellung und hatte eine arme kranke Mutter, die auf seine Hilfe angewiesen war. Ich hatte zwar keine Vacanz, doch mochte ich ihn nicht fortschicken. Hundertfünfzig Leute arbeiteten auf meinem Bureau, da konnte auch er noch Verwendung finden. Ich gab ihm einen Vorschuß von dreißig Thalern und stellte ihn mit fünfhundert Thalern Gehalt an. Er erwies sich brauchbar und hatte nach Jahresfrist tausend Thaler. Ich liebe Rührscenen nicht, aber noch heute wird mir das Auge feucht, gedenke ich jener Stunde, da seine alte Mutter im Gefühl überschwänglichen Dankes zu mir in’s Zimmer wankte, mir die Hände küssen wollte, mich den Wohlthäter ihres Lebens nannte und Gott weiß, was noch.
Ich glaubte mir in Leonhard einen Menschen heranbilden zu können, der mich verstände und in meinen Intentionen handeln sollte. Ich stellte ihn pecuniär gut, denn er mußte repräsentiren, sollte er Einfluß haben.