Aus der elenden Dachkammer war er mit seiner Mutter in eine glänzende Etage in der Behrenstraße gezogen; er hatte reichliche Tantièmen und so oft ich ihm Zulage machte, versicherte er mir seine unbegrenzte Dankbarkeit. Ich wähnte der Begründer seines Glückes zu sein und ich muß es im Gefühl einer gewissen Selbstüberhebung gestehen, es schmeichelte mir, „Glück ausstreuen“ zu können; noch mehr aber galt mir vielleicht das Bewußtsein, mir einen Menschen durch die Bande der Dankbarkeit zu ewiger Treue verpflichtet zu haben.

Ja, wo blieb die Treue? Meinen Widersachern theilte er meine geheimen Verbindungen und Correspondenzen mit, um sich für den plötzlichen Abschied zu rächen; man sondirte und wußte durch Bestechungen Zeugen gegen mich aufzustellen, die zu jeder Aussage bereit waren. Ich mußte verkaufen, mit Schaden verkaufen, um mich behaupten zu können. Ein langwieriger Proceß entspann sich; ich wollte mein eigener Anwalt sein, und in der Aufregung der gegen mich geschleuderten Anklagen vernachlässigte ich mein Geschäft. Fall folgte auf Fall; ich hatte den klaren Blick, das persönliche Vertrauen verloren; das Chaos brach über mir zusammen. Häuser kamen zur Subhastation, angefangene Bauten konnten nicht vollendet werden, mehrere Eisenbahnlinien, zu denen schon die Concession erlangt war, sanken im Cours, Alles sank — nur der Proceß wuchs riesengroß über meinem Haupte zusammen.

Ich hustete schon während des ganzen Sommers; innere und äußere Aufregungen hatten Körper und Seele erschüttert. Der Arzt wünschte, daß ich den Winter in einem milden Klima zubrächte; das hätte einer Flucht ähnlich gesehen. Nein, ich wollte das Wrack aus dem Sturm retten; der Steuermann muß bei seinem Schiffe bleiben. —

Ich warf Blut aus, mein Aussehen war in wenigen Wochen ein auffallend anderes; dennoch fand ich keine Zeit, an mich zu denken.

Da kam die Untersuchungshaft; man fürchtete, ich werde flüchtig werden, man wollte sich meiner Person vergewissern.

Der Polizeichef S., der sonst ein gerngesehener Gast bei unseren Soireen war, hatte das traurige Amt, mich abzuführen. Er ließ es mich einen Tag zuvor wissen; ich hätte entfliehen können; ich verachtete es. Meine Freunde drangen in mich, sie beschworen mich bei meiner zerrütteten Gesundheit; umsonst, ich blieb fest. Welchen Werth hatte das Leben noch für mich? Meine Schuldlosigkeit mußte und sollte zu Tage kommen, und wenn dann für mich die ewige Nacht kam, so war mir wohl. —

Polizeirath S. fuhr gegen 7 Uhr bei mir vor; ich folgte ihm. Als wir das Opernhaus passirten, stieg eben eine fein gekleidete Dame, auf den Arm des Baron L. gestützt, aus einer eleganten Equipage. Ich kannte sie. Drinnen spielte man eben das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“. Es war die Erstlingsvorstellung; sie durfte nicht fehlen.

Wir fuhren an der Börse vorbei; ein Schauer packte mich; dann weiter der Vorstadt zu; ich kannte dort manches Haus, in dem gute Menschen wohnten, denen ich in meinen glücklichen Tagen Stütze und Trost gewesen, die mich als ihren Erretter aus Noth und Elend verehrten; mir wurde wärmer um’s Herz — ich wußte doch, daß ich nicht umsonst gelebt habe. — Nun eine lange Reise an die Grenze des Landes.

Freund, wer wie ich gereist, in eleganten Schlafcoupés mit Diener und Freund, dem wird es im engen Polizeiwagen unbequem. Die Nacht war kalt; der Husten peinigte mich, ich wollte mich ausstrecken, wollte ruhen, doch nein, die Nothwendigkeit machte mir es klar — ich reiste als Gefangener.

Endlich schloß ein wohlthätiger Schlaf die matten Augen. Ich träumte. Da sah ich sie strotzend von Brillanten am Arme des Baron L. im Foyer des Opernhauses auf und ab promeniren; die jungen Offiziere setzten die Lorgnons auf, um sie besser zu fixiren, die alten Roués drückten ihr freundschaftlich die Hand — Madame war interessant geworden, sie war à la mode. — Die Frau des Gründers mochte sie nicht sein, sie war die Maitresse des Barons. Da plötzlich fuhr ich wild auf. Noch war sie nach allen Gesetzen meine Gattin; konnte ich sie nicht zwingen, zu mir zurückzukehren?