Doch wer war ich? Ein Gefangener! Der Plan war sehr schlau, teuflisch schlau in Scene gesetzt.

Nein, rief es in mir, und wenn sie jetzt fußfällig meine Verzeihung erflehen wollte, ich konnte ihr nicht vergeben, sie nie wieder an meiner Seite sehen. Ein Weib ohne Herz ist der Teufel in Menschengestalt; hatte ich sie bis jetzt nur verachtet, so begann ich sie zu hassen. In einem Anfall von Wuth beneidete ich die Barbaren, die, ohne sich Convenienzen und Formeln fügen zu müssen, dreinschlagen und in dem Augenblick der Wuth auch ihre Rache austoben lassen können. Ja, rächen wollte ich mich an jenem feigen Gesindel, das einst an den Rädern meines Glückswagens gezogen, mich verwöhnt, umschmeichelt, hofirt hatte, und das nun, da der Glückswagen ein elender Karren geworden, mich in Elend und Verzweiflung umkommen läßt.

Ich war also in der entfernten Grenzstadt D., wo ich während meiner Untersuchungshaft bleiben sollte, angelangt. Ein Zimmer ohne jeglichen Comfort wurde mir angewiesen. Der Diener meines Hauswarts hatte bei mir eine behaglichere Einrichtung. Ein Sopha, dessen Sitz schon mehr einem wattirten Brette glich, ein Spiegel, einen Fuß hoch und dito breit, zwei wackelige Stühle, ein elendes Bett, ein dreibeiniger Tisch aus Methusalem’s Zeiten, das war mein Mobilar.

Ihr habt oft über den Luxus in meinem Hause gespöttelt; wahrlich, er war mir nicht Bedürfniß, nicht einmal sympathisch. Ella liebte ihn und schaffte wohl Manches an, das eben sonst nur Fürstlichkeiten erlaubt zu sein pflegt; ich hatte nichts dagegen; „man muß die Industrie unterstützen“, sagte ich mir; wenn jeder Reiche das Geld im Geldkasten verschließen wollte, wie sollten Handel und Gewerbe blühen? L’argent veut circuler!

Aber welcher Abstand von jenem „Zuviel“ bis zu dieser Dürftigkeit!

Gleich in der ersten Nacht hatte ich einen Hustenanfall, wie ich ihn vorher nicht gekannt. Die Brust preßte sich mir zusammen; ich rang nach Athem, glaubte mich dem Ersticken nahe. In meiner Angst riß ich die Fenster auf, ich rief nach Hilfe — keine Menschenseele antwortete. Unten hörte ich das Gekläff des Wachthundes; voilà tout. Seit langen Jahren empfand ich zum ersten Male, was es heißt: „Allein sein!“

Der Anfall ging vorüber, doch wünschte ich am folgenden Tage einen Arzt. Dieser, ein Doctor Streit, musterte mich, als ich ihm meinen Namen nannte, mit eigenem Blick; im Laufe des Gesprächs sagte er mir, daß auch er Papiere der Nordbahn gekauft und nun die Hälfte beim Umsatz verloren habe. Es klang wie eine Art Vorwurf, ja, an seiner gänzlichen Theilnahmslosigkeit sah ich, daß er es fast für Pflicht hielt, den Mann, der ihm Schaden verursacht, dafür büßen zu lassen. Medicamente seien nicht nöthig, sagte er, einen Wärter oder Diener, den ich wünschte, hielt er für überflüssig; ein leichter Hustenanfall führe nicht gleich zum Erstickungstod. Leider war es so.

Du weißt, mit welcher Umständlichkeit man bei uns Processe führt! O, es war zum Verzweifeln! Da saß ich nun in meinen vier Pfählen voll des unersättlichen Thaten-, ja Rachedurstes und konnte Nichts thun, als abwarten. Fehlt bei finanziellen Unternehmungen die leitende Hand, so ist oft Alles verloren; ohne Selbstüberhebung wußte ich, daß ich die Seele jener Schöpfungen war, die ich angeregt. — Störe den Pulsschlag des Herzens und es steht still, der Organismus ist todt; vernichte die treibende Kraft, die Triebfeder eines jeden größeren Werkes, es steht still. Ja, Alles stand still, nur ich rannte wie wüthend gegen die Mauern meiner Zelle, als wollte ich mein Gehirn zersprengen.

Ella ließ mich durch ihren Anwalt mit der Scheidungsklage peinigen; sie drohte mit weiterer Denunciation, falls ich sie nicht frei gäbe. Ich schäumte vor Wuth ob solcher Verworfenheit. Das Weib, das einst schmeichelnd in meinen Armen geruht, deren Wunsch mir Befehl war, der ich mein geheimstes Denken und Wünschen anvertraut, sie konnte so gesunken sein?

Noch eben mit diesen Ideen beschäftigt, hörte ich, wie an der Thür meines Zimmernachbars gepocht wurde. Er war ein Kaufmann aus der Provinz, der des betrügerischen Bankerotts angeklagt war. Ich hörte, wie er die Thür öffnete. — Ein Freudenschrei, ein langer, inniger Kuß. Ich wußte genug. Beschämt, wie ein Bettler wandte ich mich von jener Thür, an der ich soeben gelauscht. Drüben eine Scene innigsten Familienglücks, hier die Qualen der Einsamkeit. Zu mir kam keine theilnehmende, tröstende Gattin bis in die Kerkerzelle; ich war verlassen, elend. Nie habe ich die ganze Schwere meines Geschicks so furchtbar empfunden wie in jener Stunde.