Was ist aller Reichthum der Welt im Vergleich mit einer Menschenseele, die uns gehört, die uns treu bleibt in Nacht und Elend, die uns umfangen hält und wenn eine ganze Welt in Waffen entgegensteht. O Karl, ich breitete meine Arme aus, als müsse ich ein Wesen umfassen, an dessen Herzen ich mich ausweinen konnte; die Arme fielen schwer und matt hernieder, ich war allein.
Drüben ging endlich die Thür. „Habe tausend Dank, Du Gute,“ hörte ich meinen Nachbar sagen, „Du hast mich heut glücklicher gemacht, wie je in den glücklichsten Tagen.“ Sie hielten sich wohl noch lange umfangen; endlich vernahm ich: „Lebe wohl, es muß geschieden sein!“ Die Frau ging einige Schritte der Treppe zu, doch nochmals und nochmals kehrte sie zurück; endlich kam der Aufseher und bemerkte, daß die Stunde abgelaufen sei. Ja wohl, dem Glücklichen schlägt keine Stunde!
„Grüß mir die Kinder!“ rief er ihr nach. Die Thür schloß sich. Die Kinder! Welche Welt der Empfindungen durchwogte meinen Busen. Für wen hatte ich mich gemüht? Jahrelang war es der innigste Wunsch meines Herzens, ein trautes Kinderauge mir zulächeln zu sehen; ich glaubte das Schicksal, das mir diesen heißesten Wunsch unerfüllt ließ, versöhnen zu müssen, indem ich für die Kinder der Armen Gold mit vollen Händen ausstreute. Hunderte erhielten durch mich Kleidung, Unterricht, Versorgung — unser Haus blieb kinderlos.
Heute danke ich meinem Schöpfer, daß es so gekommen. Was wäre aus den Kindern einer solchen Mutter geworden? Man sagt, es liege im Blut, daß sich ein Mensch gerade so und nicht anders entwickeln müsse. Ich glaube es. Weder persönliche Einsicht, noch Erziehung, noch die treffendsten Vernunftgründe können einen Menschen von der abschüssigen Bahn abbringen, wenn ihn eine innewohnende Kraft zwingt; es giebt ewige Naturgesetze, gegen die kein Kampf zum Sieg verhilft.
An mir fühlte ich, daß meine physischen Kräfte diesen Gesetzen verfallen waren. Ich war nicht mehr ich selbst. Es ist schauerlich, den Tod langsam, tappend, doch sicher heranschleichen zu sehen. Ja, ich sehe ihm in’s Auge, doch ohne Grauen. Die Beweise meiner Schuldlosigkeit häufen sich, alle Verdachtsgründe sind beseitigt, meine Freilassung muß in den nächsten Tagen erfolgen. Der unbefleckte Name ist gewahrt, und ein erfahrungs- und thatenreiches Leben, in dem ich viel genützt, liegt hinter mir. Ich wandere nicht nach B. zurück; ich habe Ordre gegeben, Alles zu realisiren und mit dem Erlös die Forderungen zu decken. Zu Dir, mein Jugendfreund, will ich kommen; ich bedarf des Freundes. Vielleicht, wenn ich einige Zeit unter guten Menschen geweilt und Körper und Geist gekräftigt ist, kann ich mich wieder den Geschäften widmen; doch ich fürchte fast, daß dies eine trügerische Hoffnung ist. Eine Mission jedoch habe ich noch zu erfüllen; jene sechzigtausend Thaler, die mir Ella mit teuflischer Schlauheit abgeschwindelt, sollen ihr, da sie mich böswillig verlassen, abgenommen und zur Deckung —
Hier endete die Mittheilung.
Ich brauchte lange Zeit, mich zu sammeln; mit hastigen Schritten ging ich auf und ab; ein Diener, in der Vermuthung, ich wünsche etwas, trat ein. Von ihm hörte ich, daß Berg gestern hier eingetroffen war, er hatte nach meiner Wohnung gefragt, um mich zu besuchen; sein Zustand hinderte ihn jedoch am Ausgehen. Er sandte heute früh nach dem Arzte und hatte mir gegen Mittag ein Paar Zeilen nach meiner Wohnung geschickt; da ich jedoch gleich von der Börse in’s Comptoir und von da in’s Theater ging, konnte ich sie nicht erhalten. Nachdem ihm der Arzt erklärt, daß sein Zustand das Schlimmste befürchten ließe, hatte er nochmals nach mir gesendet; der Bote mußte mich von einem Schauspiel zu einem Trauerspiel holen. — Ich blieb die Nacht bei dem Entschlafenen, eine schauerlich lange Nacht.
„Das ist das Ende eines aufregenden, thatenreichen Lebens!“ sagte ich mir. Bilder buntester Art stiegen vor meinem Geiste auf, Zeitfragen, auf die ich keine Antwort wußte.
Ist es nicht besser, im Dunkel der Mittelmäßigkeit dahin zu vegetiren, ohne Schaffensdrang und Streben, als seine besten Kräfte an Probleme zu setzen, die, falls sie wirklich erreicht werden, Neid, Mißgunst und das ganze Heer der niedrigen Leidenschaften gleich einer wilden Meute fessellos auf unser Leben einstürmen lassen?
Berg hatte sich kraft seines riesengroßen Fleißes und bedeutender Begabung emporgearbeitet zu oft beneideter Höhe; er war ein Fürst im Reich der Armen, ja, ich wußte es, sie küßten den Saum seines Kleides, sie verehrten ihn mit innigster Dankbarkeit. Und die Reichen und die Vornehmen, auch sie hatten um seine Gunst gebuhlt und jenes Weib, es hatte sich gesonnt im Glanze seines Reichthums. — Ha, als ich ihrer gedachte, ballte ich die Hände krampfhaft; hätte ich sie da vor mir gehabt, ich glaube, ich hätte sie züchtigen können. Doch einen Trumpf wollte ich noch ausspielen, sie durfte nicht die reiche Witwe des zu Grunde gerichteten Mannes bleiben; war sein Vermögen, wie sie ihn denuncirt hatte, schwindelhaft erworben, so sollte sie auch zur Herausgabe der schwindelhaft erworbenen sechzigtausend Thaler gezwungen werden! In der Hoffnung, meinen Freund zu rächen, fand ich die Kraft, das mir obliegende traurige Amt, ihn der allumfangenden Mutter Erde zu übergeben, auszuführen.