Es war ein stilles Begräbniß. — Er war ja ein ruinirter Mann; er hatte nicht Weib, nicht Kind, wer sollte ihm folgen? Meine heißen Thränen rollten auf sein Grab hernieder, der Prediger sprach ein kurzes Gebet; — ein müder Pilger war zur letzten Ruhe bestattet worden. — Noch vor Jahresfrist, da er ein Palais in der Residenz sein eigen nannte, wäre seinem Leichenwagen ein unabsehbarer Conduct gefolgt; Palmen und Kränze, umflorte Equipagen und in ihnen traurig scheinende Menschen hätten zu seinem Leichengang gehört; heute hatte ihn nur ein Freund hinausgeleitet, doch Einer, der seinen Werth voll und ganz erkannt.

Oeffentliche Blätter brachten bald die Nachricht von seinem Tode. Ein mir bekannter Reporter wußte geschickt die Bemerkung einzustreuen, daß ein Testament, nach welchem die seiner in Scheidung lebenden Gattin geschenkten Gelder zur Deckung der Außenstände verwendet werden sollen, existire, daß ein Freund des Verstorbenen, der ihm zuletzt nahe gewesen, das Testament in Händen habe. Das wirkte mit wahrem Knalleffect. — Wer jener Freund sei, konnte den Betheiligten nicht zweifelhaft sein; sie wußten, Berg sei in D. gestorben, und daß ich jener Bevollmächtigte sei, mußte ihnen einleuchten.

Einige Tage nach jener Veröffentlichung erschien bei mir der Advocat des Baron L. Er interpellirte mich, ob an jener Zeitungsnotiz etwas Wahres sei und ob ich ihm Schriftstücke zeigen könne.

Ich durchschaute die Absicht und gewann dadurch den Muth zu einer beinahe straffälligen Unwahrheit. Baron L. hatte nicht die gefallsüchtige Frau, sondern ihr Geld gemeint. Dieses schien ihm angefochten — wer weiß, sagte ich mir, ob er sie nicht verläßt, wenn er sie enterbt weiß, und dann hätte sie den Lohn ihres ruchlosen Gebahrens. — Ich theilte dem Advocaten mit, daß Berg mich auf seinem Todtenbette zum Mitwisser aller ihrer Intriguen gemacht, daß er es „schwarz auf Weiß“ hinterlassen, daß das ihr geschenkte Vermögen zur Deckung seiner Gläubiger verwendet werden solle; Einsicht in die Papiere könne ich ihm jetzt nicht geben, da diese schon an maßgebender Stelle abgeliefert seien.

Ich galt als Ehrenmann; der Advocat, obwohl er keine Einsicht in die Papiere erhalten, schenkte meinen Worten Glauben; er kehrte nach der Residenz zurück und theilte dem Baron mit, daß, da ein Testament existire, das jene Schenkung ungültig mache, und außerdem in Folge unmotivirter Trennung eine Enterbung denkbar, es das Rathsamste sei, Frau Berg von einem Processe zurückzuhalten, für dessen Durchführung wenig Aussicht sei.

Mein Reporter arbeitete nun weiter; er sprach von Enthüllungen, von Legaten, kurz, es wurde kaum bezweifelt, daß ein vollständig rechtskräftiges Testament existire. — Wie leichtgläubig ist doch die Menge! Hätte das Fragment, das ich in Händen hatte, irgend welche Rechtsgiltigkeit gehabt? Ich hätte günstigsten Falls eine moralische Pression ausüben können! Doch ich ließ der Sache ihren Lauf; die Nemesis sollte ihres Amtes allein walten.

Eben machte ich Anstalt, zur Börse zu gehen, als mein Freund athemlos zu mir hereinstürzte.

„Was haben Sie da angestiftet, Freund?“ rief er mir zu, „Sie haben Fatum gespielt und können möglicher Weise zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Was ist denn vorgefallen?“ fragte ich beunruhigt.

„Eben bekomme ich die Nachricht von Lieutenant Solm, daß Frau Berg, die angebliche Braut des Baron L., in dessen Zimmer todt vorgefunden worden; man spricht von einem Selbstmord, schreibt er mir. In ihren krampfhaft verschlungenen Händen fand man einen Brief des Baron L., der einige Tage zuvor verreist war; er schrieb ihr in demselben, daß seine derangirten Verhältnisse eine Heirat nicht gestatten; er habe Ehrenschulden, die ihn, da nun auch das ihr angeblich gehörige Vermögen confiscirt sei, wie er aus glaubwürdiger Quelle erfahren habe, zur Auswanderung zwingen; er gehe nach Californien und bitte sie, keine Nachforschungen anzustellen.“