„Ich habe ja nichts gethan, als Ihnen zu Liebe die Nachricht zu verbreiten gesucht, Caspari sei mit Lucie Eden heimlich verlobt, er sei ihr nachgereist und dann kam uns noch der famose Rettungsact und die Zeitungsnotiz zu Hilfe!“ unterbrach Dr. Zelt.
„Hätten Sie diese lieber damals nicht gebracht!“ setzte Stern gedankenvoll hinzu. „Am Tage darauf hatte ich Susi’s Jawort, und, daß ich es Ihnen, dem langjährigen Freunde, gestehe, — ich fürchte, es bringt mir kein Glück. — Meine Mutter ist seit dem Tage unserer Rückkehr niedergeschlagen und stimmt durchaus nicht mit meiner Frau überein. Susi gibt sich keine Mühe, die Liebe der alten, herzensguten Frau zu erwerben und — ich sage mir — erfährt sie gar, und ich fürchte es täglich, da sie die früheren Beziehungen zu Marie Caspari wieder aufgenommen, daß der Liebesgeschichte mit Lucie Eden nie etwas Wahres zu Grunde gelegen, ja daß sie von uns in die Welt gesetzt wurde — es ist für immer mit uns aus.“
„Sie hätten auch die Annäherung an Frln. Caspari verhüten können!“ meinte Dr. Zelt. „Auch mir wäre eine Entschleierung des Sachverhalts sehr fatal.“
Keiner von Beiden bemerkte den leisen Aufschrei, der von der Portière hervordrang. Die Zofe kam bald mit der Meldung, die gnädige Frau sei ohnmächtig an der Thüre ihres Zimmers gefunden worden; sie hatte sich eben angekleidet, um in das Gesellschaftszimmer zu kommen. Der herbeigerufene Arzt constatirte einen Anfall von Schwäche; er wollte in einer Stunde wieder vorsprechen. Als er zum zweitenmale kam, fand er Susi in heftigem Fieber. Es befremdete ihn, Stern noch im Gesellschaftszimmer zu finden; er ließ ihn rufen und empfahl größte Schonung, da die gelindeste Aufregung bei dem Zustande gefährlich werden könnte.
Kopfschüttelnd verließ Dr. Senter das Haus. „Ist das das Glück der Reichen?“ sagte er gedankenvoll. „Die junge reizende Frau in diesem Zustande der Pflege der Zofe überlassen und der Mann mit nichtsnutzigen Cameraden am Spieltische! O armer Freund!“ setzte er hinzu, an Berthold Caspari denkend, „wie glücklich wäret ihr Beiden geworden, wenn Dich der leidige Mammon nicht geblendet hätte.“
Susi wußte, daß Dr. Senter ein Freund dessen sei, dem sie, ohne es zu ahnen, so bitteres Leid zugefügt. Ihr einziger Wunsch war, Klarheit in ihrem Denken zu behalten, um Dr. Senter in’s Vertrauen ziehen zu können. Sie fühlte, daß ihre Sinne sich in den heftigen Fieberphantasien verwirrten. „O Gott, nimm mich nicht fort von dieser Erde,“ jammerte sie, „ehe ich ihn, den edelsten, besten Menschen, mir versöhnt habe!“ Doch immer wilder tanzten die bunten Gestalten vor ihren Augen, ihr Kopf glühte, sie sprach von Himmel und Hölle, von Verbrechen, die sie nie sühnen könne, dann zogen wieder freundlichere Bilder in ihrem Sinne vorüber; sie lebte in einem kleinen Gartenhause mit der trauten Freundin; er, der Geliebte, kam, sie flog an seinen Hals, er küßte sie — er sprach so schön, so bezaubernd, doch plötzlich wich das milde Lächeln, das soeben ihre Züge verklärt hatte, einer schrecklichen Verzerrung; die Schwiegermutter war gekommen, sie den Armen des Geliebten zu entreißen, sie heimzuführen in das goldene Gefängniß, dem sie glücklich entronnen.
Was dachten die Umstehenden bei diesen Fieberphantasien? Stern entfernte jede fremde Person; er wollte mit der Mutter allein die Nacht über wachen.
Mit Morgenanbruch erschien der Arzt. „Ein Nervenfieber!“ sagte er kurz. „Es scheint eine heftige Aufregung vorangegangen?“ setzte er fragend hinzu.
Stern wurde bleich. Jetzt wohl ahnte er, daß Susi vielleicht seine Unterhaltung mit Dr. Zelt belauscht haben konnte; er wähnte sie oben in ihren Zimmern und sie war, vermuthlich, um ihn zu überraschen, doch heruntergekommen und willen- und ahnungslos Zeugin der Unterredung mit dem Freunde geworden.
Er hatte seine Ehe unglücklich genannt, von erzwungener Liebe, von der erfundenen Zeitungsnachricht gesprochen; welch’ schauerliche Klarheit mußte dadurch der ahnungslosen Frau geworden sein?