Die Müllerin ließ zunächst ihren Neffen rufen, der, da sie selbst zu schwach war, die Reise nach Innsbruck machen sollte, um Näheres über die Todesart der schmerzlich beweinten Tochter zu erfahren. Paul machte sich die heftigsten Vorwürfe zu leichtfertig gehandelt zu haben, da es galt, Erkundigungen einzuziehen, ehe das Verlöbniß zu Stande kam: er sah bleich und verstört aus, als fühle er, daß er indirect die Schuld an dem Unglück trug, das seine Familie betroffen. Bei gewissenhafter Nachforschung hätte er sicher Kunde von dem Vorleben des Mannes erhalten können und dann wäre es wohl nie zu einer Annäherung gekommen. Marie war das beklagenswerthe Opfer seines Leichtsinnes und — wenngleich er sie nie geliebt, war seine Trauer jetzt eine so tiefe, unlöschbare, daß die Umgebung sicher darin zu sein glaubte, er habe der Verstorbenen ein wärmeres Gefühl entgegengebracht, als sie selbst vielleicht geahnt.
Da er am Grabe der viel Beweinten dort auf jenem einsamen Friedhof der kleinen Bergstadt niederkniete, schluchzte er wie ein Kind; ein Geistlicher des Ortes, der ihn begleitete, hatte Mühe ihn zu beruhigen; er theilte ihm mit, wie ihm selbst die seltene Fassung, die der Gatte der Verstorbenen bewahrte, aufgefallen sei; wahrscheinlich habe er es nicht für nöthig erachtet, seine Heuchlerkunst vor einfachen Naturmenschen zur Schau zu tragen.
Die Leiche wurde ausgegraben, doch konnten die zu einem Concilium geladenen Aerzte nicht feststellen, ob der Sturz in die Tiefe gewaltsam oder zufällig bewirkt worden. Der Körper war an allen Seiten zerschunden. Knochen und Gelenke gebrochen, der Tod mußte noch während des Sturzes erfolgt sein.
Paul beschloß, die nun einmal in ihrer Ruhe gestörte Leiche mit heimzuführen, um der unglücklichen Mutter wenigstens den einen Trost zu gönnen, ihre Tochter auf dem Gottesacker besuchen zu können.
Fels war noch immer in Gewahrsam und leugnete standhaft; er wußte ja am besten, daß seine dunkle That keinen Zeugen hatte. Paul kam gerade an dem Tage zurück, da er wiederum in Freiheit gesetzt werden sollte. Als der Ortsrichter indeß hörte, daß Paul die Leiche mitführe, änderte er seine Bestimmung. Er ließ bitten, den Sarg in’s Gerichtszimmer zu überführen und nachdem dies geschehen, nahm er Fels noch einmal streng in’s Verhör; Fels blieb dabei seine Unschuld zu betheuern; da plötzlich öffnete der Richter die Thür nach dem Gerichtssaal, des Gefangenen Blicke fielen auf den geöffneten Sarg, in dem die gemordete Frau lag. „Marie, du hast mich verrathen!“ rief er zusammensinkend. Die Gefängnißwärter trugen ihn in seine Zelle zurück; jeder Blutstropfen schien aus seinem Körper gewichen.
Den Gerichten war es nun ein Leichtes, erfolgreiche Nachforschungen über die Todesart der beiden anderen Frauen anzustellen.
Fels war vor fünf Jahren als armer Schuhmacher nach Renddorf gekommen, wo er die Tochter einer vermögenden Witwe heiratete.
Er kaufte sie vier Wochen nach der Hochzeit mit 1000 fl. in eine Lebensversicherung ein — sechs Monate nachher stürzte die junge Frau die Kellertreppe hinunter und langte todt unten an.
In Folge des Lärmens und Schreiens des trostlosen Ehemannes kamen die Hausgenossen zusammen — alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Fels war so erschüttert, daß er kurze Zeit nach der Beerdigung der Frau sein Geschäft aufgab und nach Saalfeld übersiedelte. Hier machte er nach Jahresfrist die Bekanntschaft der Witwe Kore, einer vermögenden, doch älteren Frau. Die Vermälung wurde in aller Stille gefeiert und als Frau Kore nach drei Monaten am Herzschlage starb, wußten ihre nächsten Bekannten noch nicht, daß sie inzwischen Frau Fels geworden. Wohl aber wußte die Versicherungsgesellschaft, daß sie dem trauernden Witwer 5000 fl. zu zahlen hatte.
Wenngleich jedes Mal eine andere Gesellschaft betheiligt war, wurde die Sache doch ruchbar. Die Direction der Allemannia erhielt eine Zuschrift, man möge doch recherchiren, welcher Todesart Fels frühere Gattinnen gestorben seien, die bei den namhaft gemachten Versicherungen durch den früheren Schuhmacher, jetzigen Rentier Fels eingekauft waren.