Da sie nun wie jede Kieler Marinefrau sich jeder Fremden gegenüber ein wenig zu gastlicher Höflichkeit verpflichtet fühlte, sprach Jutta mit scheinbar großer Lebhaftigkeit und Teilnahme von den ungünstigen Segelresultaten der „Hammonia“ und der nur allzu begreiflichen Verstimmung des Konsuls Krüger über die Nichtplacierung seiner Jacht. Natürlich sei es ärgerlich, sagte Frau Krüger. Es koste so rasend viel, was ja freilich egal sei. Man täte es eben der Mode wegen. Ob das Geld so oder so ausgegeben werde, sei gleichgültig. Ausgeben müßte man, das sei Pflicht reicher Leute. Aber bei dieser Sache kriege man unversehens eine Art dummen Ehrgeiz. Man werde förmlich gierig auf Preise. Und dann verbreitete sich Frau Konsul Krüger mit ganz frisch aufgeschnappter Sachkenntnis darüber, daß eben die „Hammonia“ vermöge gewisser, unauffindbarer Konstruktionseigenheiten vor dem Wind großartig gehe, hingegen beim Kreuzen im Nachteil sei. In Kuxhaven neulich habe sie trotz böiger Nordostwinde den zweiten Preis ihrer Klasse davongetragen. Reiswitz hörte dieser Auseinandersetzung mit Großmut und einem leisen, kleinen, spöttischen Funkeln in seinen Augen zu. Frau Konsul Krüger schloß dann mit der Klage, das Wetter sei auch diesmal in der Kieler Woche zu schlecht.
„Ach,“ sagte Jutta, „schlecht?! Sogar beim Wetter sieht man’s: nichts ist an sich gut oder schlecht. Nichts kommt auf den Wind an — alles auf das Objekt, das er anbläst.“
Frau Konsul Krüger dachte, daß diese Dame, deren Namen sie nicht ganz verstanden hatte, „geistreich“ zu tun wünsche. Sie wandte sich ihrem Tänzer zu und nahm mit ihm ihren Platz ein: als viertes Paar.
„Gegen geistreiche Frauen hab’ ich ein Vorurteil. An die glaub’ ich einfach nicht,“ sprach sie voll Selbstbewußtsein. „Es ist eine fabelhaft schöne Dame, obschon: der Hals ist ein bißchen lang und dünn nach meinem Geschmack. Wie war doch der Name?“
„Frau von Falckenrott,“ sagte Rosenfeld, und man sah auf seinem glattrasierten, klugen Gesicht nur den Ausdruck großer Höflichkeit, „ihr Gatte ist mein Crewkamerad.“
„Nein — so was! Dann hab’ ich ja ’n Haufen von Beziehungen. Ihr Mann ist der Kapitän von Falckenrott? Der jetzt als Erster Offizier auf der ‚Luise‘ in Ostasien ist?“
Rosenfeld nickte, und noch ehe er etwas sagen konnte, durchrauschte Frau Konsul Krüger schon flink den winzigen Platz zwischen den vier, auf den Beginn der Quadrille wartenden Paaren.
„Nein, so was!“ rief sie und streckte Jutta gleich beide Hände auf einmal hin, wobei am Gelenk der Linken ihr Fächer halbgeöffnet lebhaft an goldener Kette pendelte, „nein, dies ist zu reizend! Eben erst lasse ich mir Ihren Namen deutlich wiederholen. Man versteht ja nie beim Vorstellen ... Wissen Sie, daß Ihr Mann bei meiner Schwester Mila in Schanghai wie ein Kind im Hause ist?! Hat er Ihnen nie geschrieben, daß er dort beinahe alle Tage bei einem Herrn Glaubermann eingeladen war? Das ist mein Schwager. Glaubermanns sind fabelhaft gastfrei. Die Herren von der Marine finden dort immer offenes Haus. Glaubermann sagt, das sei patriotische Pflicht. Sie wissen doch: mein Schwager Glaubermann, Chef der ostasiatischen Abteilung des Hamburger Hauses?“
Jutta besann sich mühsam. Ja, es dämmerte ihr auf ... der Name Glaubermann war irgend einmal, vielleicht bei der Erzählung von einem für die Offiziere von S. M. S. „Luise“ gegebenen Diner aufgetaucht ... ein gleichgültiger Name mehr auf diesen Briefblättern, die aus Ostasien kamen ... die Kunde gaben von einem fernen, fernen Leben ... und das doch eigentlich ein Teil ihres Lebens war ... sein sollte ...
Kaum rang sie sich den höflich muntern Ton ab, in dem sie sprach: „Aber gewiß — Glaubermanns — ja, ja — ein hübscher Zufall — ja, die Welt ist so klein.“