Und sie drängte das Brautpaar förmlich fort. Denn sie hatte alle Hände voll zu tun und fühlte sich schon sehr gestört. Dennoch war eine Minute übrig, um hinter der Gardine verborgen dem Paar in stolzer Befriedigung nachzusehen. Renate, lang und schlank, war nur ganz wenig kleiner als der Mann, der fest und stattlich neben ihr schritt, in guter Harmonie des Ganges. Die Geheimrätin machte gern so ihre kleinen Schlüsse aus dem Gang eines Menschen. Männer, die trippelnd oder ungleichen kurzen Schrittes gingen, solche, die immer nur das eine Bein voransetzten und das zweite nachzogen, in dieser allgemeinsten Form des Gehens, flößten ihr kein rechtes Vertrauen ein. Sie mochte Männer, die stolz und geradeaus, im sicheren Wohlmaß der Bewegung schritten. Und das tat der Kapitän Hochhagen, trotz jener leisen, fast unbestimmbaren Nuance, die den Seemann verriet.
Renate hatte ihre Hand unter den Arm des Verlobten geschoben, aber sie stützte sich dennoch nicht eigentlich, sondern schritt leichtfüßig und selbständig neben ihm einher.
„Ach ja,“ dachte sie immerfort, „es fängt schon an!“
„Sag, Süße, verstimmt es dich so schwer, daß ich während der nächsten Wochen fort sein werde? Dies Kommen und Gehen ist aber doch keine wirkliche Trennung.“
„Doch, Emmich, doch! Aber ich werde natürlich tapfer sein. Es wäre kindisch, wollt’ ich’s nicht. Trennung ist es aber doch. Du denkst wohl nicht daran: Heute haben die Universitätsferien begonnen ... Papa hat noch ein paar schwere Operierte, die erst außer Gefahr sein müssen, ehe er sie den Assistenzärzten überläßt — aber so in vierzehn Tagen reisen wir ... Das tun wir immer in den großen Ferien Papas — da muß er eine total andere Umgebung haben — zwar, er arbeitet auch dann oft und viel wissenschaftlich ... aber es ist doch eine andere Art des Lebens ...“
„Und ihr reist immer alle mit?“ fragte Hochhagen in einem ihn selbst überraschenden Gemisch von Empfindungen. Es war einerseits gut, wenn diese Reise nun gerade mit seinem vorübergehenden Bordkommando zusammenfiel. Aber anderseits schien es ihm, als sei ihm Renate näher, wenn sie hier in Kiel in ihrem Elternhaus von seinen Briefen erreicht und seinen Gedanken gefunden werden konnte. „In was man sich alles reinfühlt,“ dachte er erstaunt; war es nicht gerade, als ob man in eine völlig veränderte Stellung zu Dingen und Menschen gekommen sei?!
„Nein. Fips und Heinz kommen immer zu Doktor Habel in Pension. Habels gehen erst mit ihnen an die See, solange Schulferien sind. Papa bleibt gewöhnlich bis zum achten Oktober fort und beginnt erst dann zu lesen. Ich bin immer mitgekommen — ich bin Papas Liebling — so ein bißchen — es ist ja auch anders — ich brauchte ja auch nicht wie Fips und Heinz aufs Abiturium loszubüffeln. — Na, und jetzt ...“
Er erriet.
„Diesmal wolltest du lieber hier bleiben!“ sagte er voll zärtlicher Dankbarkeit und streichelte die Hand, die auf seinem Arm lag.
„Natürlich. Aber Mama sagt: Unmöglich. Und Papa hatte eine himmlische Idee! Ich sollte dich einladen, die ganze Zeit solltest du mit uns reisen als Papas Sohn. Jawohl.“