Nun kam auf dem Bürgersteig Tante Adele in Sicht. Sonst dachte Renate wohl manchmal: „Du lieber Gott, schon wieder Tante Adele.“ Heute sagte sie: „Da kommt ja Tante Adele — ach, sie ist zu nett.“

Die Dame, die heranschritt, hielt schon von weitem ihre beiden, in bräunlichen, halbdurchsichtigen Trikothandschuhen steckenden Hände mit gespreizten Fingern dem Paar entgegen. Schmachtende Freude verklärte ihr kleines Gesicht, in dem zwei blanke, braune Augen unter merkwürdig dicken Lidern auffielen. Unter dem winzigen Kinn saß das Polster eines rilligen, weißen Fettlagers. Da nun auch Tante Adelens Mund von stattlicher Breite und in seinen Winkeln ein wenig nach oben gezogen war, mußte man eigentlich Fips und Heinz in einem gewissen, ruchlosen Vergleich recht geben. Und als sie einmal, bei Tante Adelens Eintritt ins Zimmer, sachte und scheinbar ganz unbeabsichtigt „quak — quak“ vor sich hingesagt hatten, konnte ihnen die Mutter nicht einmal einen Klapps geben, damit ihr die Jungens nicht, nach der Logik der bekannten Anekdote, mit der frechen Frage kamen: „Wen meintest du denn?“

„Mein Ängel!“ sagte Tante Adele überwältigt.

Renate stellte ihren Verlobten vor. Er küßte ritterlich den Trikothandschuh und sagte Verbindliches, worauf Tante Adele ihm innig die Hand drückte und ihn bedeutungsvoll mit schwimmendem Blick ansah, als schlösse sie ein schweigendes Bündnis mit ihm, das Zeit und Ewigkeit überdauern solle.

Hochhagen und Renate hörten Tante Adele zu.

„Vorgestern ist bei euch Verlobungsfete gewesen? — Ich nehme es nicht übel, daß ich nicht zugezogen wurde — Lüdermanns sind dagewesen? Es ist mir ja nur deshalb unangenehm, weil Frau Professor Lüdermann denken könnte, ich stehe nicht mehr so nahe ... Ach, Herr Kapitän, machen Sie das Kind glücklich. Sie ist ein Ängel ... Ich bin auf dem Weg zu deiner Mutter, um ihr Glück zu wünschen, obschon ich noch keine offizielle Anzeige erhalten habe. Ich störe Mama doch nicht? In so neuen Lebensverhältnissen werden die alten Freunde zuweilen lästig empfunden. Ich habe mir vorgenommen, ganz zurückhaltend zu sein und nichts übelzunehmen.“

Renate versicherte, daß Mama nicht gestört, sondern erfreut sein werde, und daß noch heute beim Frühstück von Tante Adele die Rede gewesen sei. Und dann setzte man seine Wege fort. Renate hatte unbestimmt das Gefühl, daß Tante Adele keinen sehr bestrickenden Eindruck gemacht haben konnte, und erklärte und entschuldigte: „Sie ist so lieb und gut. Aber weißt du: verkümmert. Nie hat ein Mann um sie angehalten, ihr den Hof gemacht, Wünsche auf sie gerichtet, Gefallen an ihr gefunden. Mama sagt, das habe ihr was Isoliertes gegeben. So, als stehe sie draußen am Gitter, und drinnen sei das Leben. Sie ist aber doch sehr nett ...“

Hochhagen sah schon: sein geliebtes Mädchen war jetzt allen Menschen gut. Denn er bezweifelte nicht im mindesten, daß sie ehedem, mit Fips und Heinz, übermütige Kritik an dieser gefühlvollen und beleidigten Dame geübt habe.

Aber er verstand ihre Stimmung: diesen Kuß der ganzen Welt ... Und das war wieder wie eine verborgene Liebeserklärung an ihn, die sein Gefühl nur immer noch steigerte.

Noch zweimal wurden sie von Kameraden angehalten, die nicht vorübergehen wollten, ohne Glück zu wünschen. Und während Hochhagen spürte, man denke: „Donnerwetter!“ und: „Der hat Dusel,“ sah er, daß Renate einen lachenden, naiven Stolz zeigte, darauf, daß er sie gewählt habe, vor allen Frauen sie ...