Aber das vielleicht war es gerade, was die alte Frau reizte. Sie sah an der Schwiegertochter vorbei und richtete Blick und Wort geradezu an Hochhagen, der bei Juttas Bemerkung sein oberflächliches Gespräch mit Gamberg abbrach und in plötzlich aufwallendem Unbehagen den Frauen zuhörte.
„Glauben Sie mir, lieber Herr Kapitän, für ganz kleine Kinder haben Männer nie eine so eifrige Teilnahme wie wir — ob sie nun im Haus sind oder weit weg — das ist gleich. — Aber man muß deshalb nicht denken, sie hätten kein Gefühl dafür. Das wäre ja unnatürlich, wenn sie es nicht hätten.“
„Es wäre vielleicht Pose, vielleicht Lüge, wenn sie von Vatergefühlen sprächen, in einem Fall wie diesem,“ sagte Jutta und bekam langsam ein heißes Gesicht; „ich glaube nicht an die sogenannte Stimme der Natur oder des Blutes. Tausend und aber tausend Beispiele sprechen dagegen. Ebensoviele dafür, daß sich Elternliebe nur aus der beständigsten und genauesten Erfüllung der Elternpflicht gebiert. Aber das ist ja eine ungeheuer umfassende Frage. Da wir sie nicht beantworten können, wollen wir sie auch nicht anschneiden.“
Und dann setzte sie noch hinzu, im gewaltsamen Versuch zu scherzen: „Ja, Malte ist eben dienstlich nicht in der Lage, sich Vaterfreuden hinzugeben.“
Den Scherz hörte die alte Frau gar nicht. Sie hatte ein eifervolles Gefühl, daß sie diese allerpersönlichste Angelegenheit nicht zu einer großen, allgemeinen Frage umbiegen lassen wollte.
Sie spürte in ihrem Empfinden: das beraubte den fernen Sohn und damit auch sie — bestritt ihr geradezu das ganz enge Anrecht an dies kleine Kind. Ihr kam es, seit sie hier war, vor, als müsse sie sich in ihrer Großmutterschaft betonen, während sie vorher, in der Heimat, sich einfach als die Hauptperson, als die Nächste zu dem Kindchen gefühlt hatte.
„Es ist beinahe immer,“ sprach sie mit sehr weinerlicher Stimme, „als mache Jutta meinem Sohn einen Vorwurf daraus, daß er weg ist.“
Sie lächelte, in einer eifrigen, künstlich freundlichen Art, damit man glauben möge, daß es scherzhaft gemeint sei, was sie sagte, während in ihrer ängstlich bebenden Stimme doch eine schwere Anklage mitschwang.
Renate sah sie fast furchtsam an. Von dieser alten Frau ging etwas Feindseliges aus — unbestimmt und unerquicklich.
Herr von Gamberg stand langsam auf und trat in die Balkontür.