„Aber liebe gnädige Frau, Sie verstehen Jutta gewiß falsch,“ sagte Hochhagen voller Herzlichkeit, „Ihre Schwiegertochter war, trotz all unserer Freundschaft, doch sehr einsam. Sie ist in den Fehler aller Nachdenklichen verfallen und hat sich die einfachsten Dinge kompliziert.“
Er sah Jutta an, bittend, aufmunternd — als wolle er ermahnen: schone die alte Frau.
Obgleich er schon begriff: diese beiden konnten einander weder schonen noch wohl tun. Obgleich er schon erkannte: die Ankunft der Mutter hatte die Lage nicht geklärt, hatte sie nur bedrohlicher gemacht.
Rechte und Art beider Frauen waren zu verschieden.
Hochhagen hatte des Freundes Mutter kennen gelernt, als unter allen Formen des Gefühlsüberschwangs Hochzeit gefeiert wurde. Als sich in dieser Mutter für das Hochzeitspaar eben alles Mütterliche verkörperte, weil auf der anderen Seite nur ein befangener Vater und eine unsicher sich gebende Stiefmutter stand. Damals hatte Freude und Rührung diese Frauentype zu einer besonderen Erscheinung von Tiefe und Würde gestaltet.
Nun schien ihm, als sei dies eine brave, liebevolle Frau aus jener Enge, in der man den Lauf des Lebens nur versteht, wenn er sacht zwischen dem Faschinenbau des Herkommens hinrinnt.
Nein, diese hatte gewiß nicht die feste, kluge Hand, die halten kann, ohne merken zu lassen: ich leite dich ...
Diese alte Frau konnte wahrscheinlich das Außergewöhnliche nicht mit Verständnis, sondern nur mit Lamentationen begleiten ...
Jetzt sprach die Mutter: „Alles ändert sich ja wohl mit der Zeit. In meiner Jugend las man ergreifende Geschichten von Frauen, die jahrelang warteten und spannen und ihre Kinder erzogen und still bereit in der Kemenate saßen, bis der Gatte aus dem Kreuzzug heimkam. Die Frauen von heute können nicht mehr so viel Geduld aufbringen, glaube ich.“
„Romantik liest sich immer besser, als daß sie sich erlebt,“ sagte Jutta.