VI

Mein lieber Malte! Nun hast Du meine Depesche erhalten, die Dir sagt, daß ich nicht kommen kann. Von was für lächerlichen Bedenken läßt man sich bestimmen. Warum habe ich nicht ein paar hundert Mark in die Hand genommen, um Dir eine sehr lange Depesche zu senden — eine, die von Gründen spricht?

Aber ich denke wiederum: wäre sie unverstümmelt angekommen? Hätte nicht ein entstelltes Wort eine Reihe von falschen Vorstellungen in Dir erwecken können? Dich in namenlose Bestürzungen und Sorgen bringen können? Vielleicht hat mich diese Erwägung bestimmt, Dir nur zu telegraphieren, daß ich mein kleines Kind nicht verlassen kann. Und Du ergänzt diese Mitteilung aus Deiner Phantasie heraus. Nimmst an: vielleicht ist das Kind kränklich; vielleicht ist Mutter doch schon zu alt, als daß man ihr mit solcher Unruhe kommen dürfte.

Nein, das Kind ist wohl. Mutter hätte es gern genommen. —

Als Du ausreistest, lieber Malte, gabst Du mir vorher einige Lehren über das Korrespondieren nach anderen Weltteilen. Es waren gewissermaßen Fundamentalsätze für den Briefverkehr mit fernen Familienmitgliedern. Du sagtest mir: dies dünne Überseepapier hat einen eigenen Charakter, es verträgt gewissermaßen nur Chronik, keine Psychologie. Du erklärtest mir: man muß keine Stimmungen über den Ozean hinweg mitteilen wollen. Bis die Mitteilung zu dem Herzen kommt, an das sie gerichtet ist, hat das Herz, das sie machte, sich schon längst wieder beruhigt. Kleinere seelische und körperliche Unpäßlichkeiten, sagtest Du, meldet man nicht an die andere Globushälfte. Man erweckt dort schmerzliche Sorgen zu einer Stunde, wo hier schon alles überwunden und vergessen ist.

Ich habe es vollkommen verstanden und mich nach besten Kräften danach gerichtet. Ich sah ein: es war eine kluge Grausamkeit — grausame Klugheit. Die Gemütsruhe des Fernen muß erkauft werden mit der beständigen Selbstbeherrschung des Zurückgebliebenen.

Und so habe ich mein Gefühl zurückgedämmt, wenn es hinströmen wollte; ich habe meine Seele zur Stummheit gezwungen. Ich habe versucht, Dir nur Berichterstattungen über meine Tagesläufe zu geben. Und ich habe verschwiegen, was in mir sich an seltsamen Kämpfen und Rätseln zutrug. Denn ich, lieber Malte, bin vielleicht eine von den unglücklichen Naturen, die mehr in sich erleben, als sie jemals mit Menschen und Welt erleben können.

Ich versank in ein Einsamkeitsgefühl beinahe ungeheurer Art, als Du fortgegangen warst. Und es kommt mir vor, als sei ich schon ein ganzes Menschenalter in dieser Einsamkeit ... eine lange, lange Zeit schon ... Und in dieser Zeit hat sich so viel in mir verändert, und mir scheint, ein ganz neuer Mensch ist aus mir geworden. Einer, den Du vielleicht gar nicht mehr liebhaben würdest, der fremd, der abstoßend auf Dich wirken kann.

Und nun muß ich doch viele Bogen Überseepapier vollschreiben. Denn mit der bloßen nüchternen Mitteilung von allerlei wichtigen und unwichtigen Tatsachen bleibe ich nicht mehr wahr.

Vielleicht hätte ich noch unbestimmbare Zeit mich von meiner inneren Unsicherheit niederdrücken lassen und mutlos weiter geschwiegen. Aber nun riefst Du mich ‚komme‘, und ich antwortete ‚nein‘. Und dafür willst Du Erklärungen. Es ist Dein Recht, sie zu erwarten. Ich will versuchen, sie zu geben, soweit man das Unerklärliche deutlich machen kann.