Laß mich bei dem beginnen, was ganz gewiß erst in zweiter Linie steht.
Ich meine, mein Verhältnis zu Deiner verehrungswürdigen Mutter. Aber ich kann Dir und mir vielleicht daran beweisen, wie Empfindungen und innerste Stimmung zu einem Menschen sich ändern können, ohne daß man den Grund aufzeigen kann. Ja, das Grundlose ist das eigentlich Furchtbare daran, das jäh Überraschende, das aus Tiefen unseres Wesens aufsteigt, von denen wir nichts wußten, und die wir deshalb auch nicht bewachen konnten.
Unser alter Hausarzt sagte oft: niemals kann man sich besser gegen Krankheiten schützen als bei Epidemien, denn man ist gewarnt; man ist nur waffenlos gegen noch nicht erkannte Gefahren.
Wie sollte ich mein Gemüt mit Pietät, mit Dankbarkeit bewaffnen? Ich wußte gar nicht, daß die ergebene Liebe, die es gehegt hatte, in Gefahr sei.
Weit zurück, einer Vergangenheit gleich, die nie wiederkehrt, mit der mich nichts mehr verbindet als eine Erinnerung, ist es mir, daß ich als Deine Braut Deiner Mutter glücklich dankbare Tochter war. Wie nun Deine Mutter wieder vor mir stand, die ich inzwischen vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden bin, da schien mir alles fremd an ihr, und ich konnte es nicht begreifen, daß zwischen uns eine allernächste Gemeinsamkeit der Lebensinteressen sein sollte. Sie aber empfand diese Gemeinsamkeit als ihren gerechten Anspruch, obgleich auch in ihr eine Feindseligkeit gegen mich war oder erwachte.
Sie ist Deine gute, rührende, treue, opferfreudige Mutter. Kein Wort kann warm und groß genug in meinem Munde sein, sie zu loben.
Aber sie fand in mir nicht die elementare Sehnsucht nach Dir, nicht das Trennungsleid, wie es nach ihrem Maßstab sein sollte. Und sie fühlte sich gekränkt, weil ich, gerade wie sie, zuerst Mutter bin — nur Mutter. Weil ich mein Kind nicht verlassen will und kann um Deinetwillen, und weil ich es ihr nicht und niemand anvertrauen mag. Weil mir meine Mutterpflichten schmerzlich und bedrängend sind — denn mir ist mein Kind wie ein vaterloses Kind!
Nun ist es aber unter Frauen wohl so: eine will der anderen immer die Art ihres Gefühls aufzwingen. Und wo das unmöglich ist, entfernen sie sich rasch voneinander.
So haben Mutter und ich uns ganz rasch voneinander entfernt. Und gestern morgen, lieber Malte, ist sie wieder abgereist. Wir weinten, als die letzten Minuten herankamen. Bis dahin waren wir gezwungen, gereizt, unfrei miteinander. Aber in jenen allerletzten Augenblicken brach über uns eine leidenschaftliche Trauer herein, und wir weinten, als ständen wir an einem Grab.
Seit diesen kummervollen Augenblicken prüfe ich mich immerfort und suche nach meiner Schuld. Denn so ist mir: als sei ich schuldig vor diesem einfachen, eifrigen, treuen Mutterherzen.