Aber ich weiß meine Schuld nicht zu nennen. Heißt sie Treulosigkeit? Nein, gewiß nicht. Denn mein Herz ist voll Dankbarkeit für die Liebe, die Mutter mir einst gab. Heißt sie Unduldsamkeit? Ach, wie gleichgültig ist es in großen Krisen des Lebens, ob ein Mensch kleine Engigkeiten in seinem Auftreten und was für Angewohnheiten, was für Ansichten er hat.
Ich weiß nicht, was Mutter Dir schreiben wird, und wo Mutter die Gründe sieht, daß wir schmerzlich befremdet voreinander standen.
Vielleicht bin ich krank. Meine Seele ist vor Sehnsucht so müde geworden, daß sie nicht mehr kraftvoll empfinden kann.
Nun wirst Du sprechen: deshalb gerade riefest Du mich! Damit ich, von Sehnsucht befreit, wieder in heiterer Sicherheit ins Leben sehen lerne.
Aber jetzt, lieber Malte, jetzt muß ich Dir das Allerschwerste sagen. Gewiß verstimmt es Dich, daß Mutter und ich nicht mehr in Liebe uns fröhlich zueinander halten können wie einst. Aber Du denkst: das kommt vor — Schwiegertochter — Schwiegermutter — jung und alt — da findet sich schon einmal ein Übergang zu neuem Akkord, wenn’s denn auch andere Tonart wie ehedem ist. Du könntest recht haben. Wer weiß es.
Das, was ich jetzt sagen muß, ist viel ernster.
Ich weiß nicht mehr, ob ich mich nach Dir sehne!
Nun ist es geschrieben. Ich fühle: es ist furchtbar. Es ist gerade das, was man niemals einem Fernen über den Ozean hin schreiben soll: von innerem Kampf soll man schweigen.
Aber ich soll, ich muß, ich will wahr bleiben.
Verlörst Du nicht jeden, auch den letzten Anteil an mir, wenn ich Dir diese Kämpfe noch länger versteckte?