Sie begannen, wenn ich es selber recht weiß und erkenne, mir das Gemüt zu beschweren, von dem Tag an, wo mein Kind geboren war.

In dem Übermaß der Erregungen, die dieses Neue mir gab, war ich allein. Es kam mir vor, als gäbe es nichts auf der Welt, was so wichtig, so heilig sei, als Mutter werden. Und das ist auch gewißlich wahr. Nur weil ich allein war, wurde aus dem Jubel Schwere, aus dem Glück eine übermäßige Verantwortung. Mir kam vor, als sei das Kind mir ganz allein gegeben, und es war, als ströme all meine Liebe von Dir fort dem Kinde zu.

Ich weiß nicht, ob in jeder Frau in solcher Zeit die Gefahr solchen Gefühlswandels ist, und ob dann die liebevolle Gegenwart des Mannes für sein Recht spricht.

Immerfort denke ich seitdem darüber nach. Und je mehr ich dachte, je mehr bestritten meine Gedanken Dir Anteil an dem Kind, an mir.

Es kann wohl sein, daß die nächsten Freunde erraten haben, wie schwer ich an den Aufgaben des Lebens herumlöste. Denn Hochhagen hat es nicht vor mir verleugnet — von vollkommener Ehrlichkeit, wie er ist — daß er Dir die Idee anregte, mich nach Hongkong zu berufen. Auch Lisbeth und Rosenfeld redeten zuweilen weise und liebevoll auf mich ein. Aber zum Glück ist Lisbeth viel zu dringlich mit dem Amüsement des Daseins beschäftigt, als daß sie mich oft und zu sehr mit Trost gequält hätte. Nichts ist unerträglicher, als wenn einem Wohlmeinende verständig in Stimmungen hineinreden, die einem selbst noch völlig unverständlich sind. Aber andere Menschen erheben ja in aller Unbefangenheit oft den Anspruch, sie verständen uns ganz genau!

Meine Lage ist in den bisher bestandenen Formen meines Lebens nicht mehr ertragbar.

Ich habe beschlossen, meinen Hausstand aufzulösen und auf Reisen zu gehen. Ich werde alle Möbel, die ganze Einrichtung verpacken und in einem Speicher verwahren lassen. Erinnerst Du Dich noch an Martha? Sie war zu Haus schon meine Jungfer gewesen, seit Babys Geburt hat sie umgesattelt und wirkt auch als Kindermädchen, soweit ich die Kleine nicht selbst besorge. Martha ginge mit uns bis nach Feuerland, sagt sie, was ihr aus irgendeinem Grunde die unwirtlichste Gegend auf dem Erdball zu sein scheint.

Wir gehen aber nur nach der Schweiz und Italien.

Dieser Umwelt muß ich entrinnen. Sie läßt mich niemals zu einer freien Betrachtung meines Seelenzustandes kommen. Hier haben wir unser erstes, kurzes Eheglück gelebt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt Deinen Kameraden, die nach Dir fragen, die mich an Dich durch jene allgemeine Ähnlichkeit erinnern, die ein so stark charakterisierender Beruf und solche Uniform wie die Eurige ausprägt. Hier treffe ich andere Frauen, die in ganz unerschütterter Gemütsruhe von ihrem fernen Mann reden können, die es gar nicht als etwas schreckhaft Großes empfinden, ein Kind in die Welt zu setzen, während der Gatte bei den Antipoden ist. Und diese Gleichmütigen machen mich vor mir selbst zu einer Krankhaften, einer Ausnahme. Ich frage mich dann: bin ich so überfein, so sehr leicht verwundbar? ...

Wenn ich es bin, dann hätte ich Dich niemals heiraten dürfen, denn ich wußte ja: dies Opfer konnte an mich herantreten! Und als ich damals in der Theorie davon sprach, schien es mir groß und erhebend.