Vor mir tut sich die furchtbare Frage auf: hab’ ich nicht genug der Liebe in meinem Herzen gehabt?

Und mir ist, als müßte ich wandern, wandern, damit meine Seele Klarheit fände über sich — ob sie denn wirklich von Dir fortgegangen ist — und wohin sie will.

Denke nicht, lieber Malte, daß ich mir gar keine Mühe gegeben habe. Freundlich lebte ich mit Deinen Freunden. Ich habe mich durch Lisbeth und Rosenfeld und auf Hochhagens Zureden in die Vergnügungen der Kieler Woche hineinzerren lassen. Ich habe mich nicht einsiedlerisch und melancholisch gehen lassen: gezwungen habe ich mich, an jedem Alltagsgeschehen teilzunehmen, immer in dem Wunsch, festzustellen: ja, die Welt ist in Ordnung, nur in mir ist etwas aus der Ordnung.

Ja, das ist es gewiß. Ich will Dir als Beispiel davon gestehen, daß ich oft die brüderliche Fürsorglichkeit Hochhagens als eine Art Wachtdienst empfand, den er in Deinem Namen ausübte. Mein Verstand sagte es mir immer ganz klar, daß Emmich nur aus seinem warmen, redlichen Herzen heraus tat, was er als Dein bester Kamerad Dir schuldig zu sein glaubte. Und meine überreizten Nerven wehrten sich gegen seine Treue, weil mir war, als beleidige mich sein Schutz — als werde ich dadurch zu einer Frau gestempelt, der man einen Schritt vom Wege wohl zutrauen könne.

Ja, siehst Du es hieran? Ich bin auf irgendeine Weise aus dem Gleichgewicht.

Und ich muß den Weg suchen, der mich zur Klarheit, zur Ruhe zurückführt. Ich hoffe ihn zu finden, indem ich mich von hier entferne.

Daß ich mit meinem Kind nicht in mein Vaterhaus mich flüchten kann, weißt Du wohl. Vater und seine Frau waren ja vor acht Wochen zur Taufe von Baby hier, Vater zerstreut, feierlich, eilig. Mit der Miene eines, der viel wichtigere, größere Dinge verlassen hat, als die sind, bei denen er im Moment aus unumgänglichen Familienrücksichten repräsentieren muß. Mit mehr verlegenem Erstaunen als mit Verständnis und Rührung in der neuen Würde. Mit kaum ertragener Ungeduld in der fremden Umwelt, darin andere Werte gelten als in der seinen. Du weißt ja: autokratische Männer leiden förmlich in einem Kreis, in dem ihre Autokratie nichts gilt, nicht verstanden, nicht einmal gekannt ist. Und Vaters Frau kam aus lauter Vorsicht nicht zu einem natürlichen Gespräch. In ihrer beständigen Angst, sich Blößen zu geben, war sie geziert. Und das ist ja das letzte, was einem derbgearteten Wesen von bescheidener Herkunft gut ansteht. Wenn sie unbefangen ihren gesunden Menschenverstand sprechen läßt, hat sie wohl Augenblicke, wo man ihr Respekt nicht versagen kann.

Ich bemühte mich, ihr zu helfen. Ich sehe so gar nicht in ihr die Nachfolgerin meiner Mutter, daß ich beinahe ohne Vorurteile mit ihr verkehren könnte. Alle meine Versuche, sie frei und sicher im Verkehr zu stimmen, blieben aber erfolglos. Es war immer, als habe sie vor mir ein schlechtes Gewissen, weil sie meines Vaters Frau geworden ist. Dies war vom ersten Tag an so, es war zu meiner Brautzeit so, so ist es geblieben auch jetzt, wo ich ihr, losgelöst vom Vaterhaus, als Frau, als wirtschaftlich selbständiger Mensch gegenüberstand. Und also ist es unabänderlich.

Mit diesem Vater, der keine Zeit und Stimmung für mich hat, mit dieser Frau, die in einer ganz anderen Gefühls- und Bildungszone lebt als ich, kann ich nicht auf dem Land zusammenwohnen.

Das bedarf auch vor Dir keiner weiteren Begründung.